Mit dem Hausboot durch Berlin

Mit dem Hausboot durch Berlin

Berlin ist die einzige Hauptstadt Europas, die mit Charterbooten befahren werden kann – ein traumhaftes Revier Kanälen, Flüssen und Seen. Aber man muss die Karten genau lesen.

Von Stephan-Thomas Klose

Bis zur Mühlendammschleuse in Berlin Mitte sind wir an diesem Vormittag die Spree hinuntergefahren, aber hier ist für unser Hausboot Schluss; die Weiterfahrt wird uns verwehrt. Die unsichtbare Schleusenaufsicht pfeift die Hausboot-Besatzung über Lautsprecher an: „Das Sportboot macht umgehend los und legt am Sportboot-Anleger an! Beim nächsten Mal machen Sie das gleich so!“ Kaum hat das Boot unter dem Videokamerablick der vermutlich feixenden Wärter ordnungsgemäß kehrt –und erneut festgemacht, wird die Lautsprecherstimme dann richtig amtlich: „Ohne UKW-Funkgerät und Sprechfunkzeugnis gibt es für Sie keine Schleusung. Kehren Sie um oder warten Sie hier bis 19:00 Uhr.“ Dass unser Charterboot kein Funkgerät an Bord hat, wussten die Schleusenwärter mit Sicherheit schon, bevor sie den Positionswechsel verfügten …

 Die Crew feixt

Ich bin zunächst ratlos. Dann vertiefe ich mich in die kleingedruckten Anmerkungen des „Törnatlas Märkische Gewässer“ zum „Stadtverkehr Berlin“. Tatsächlich! Dort steht es Rot auf Gelb für die Strecke Lessingbrücke bis Schleuse Mühlendamm: „Zwischen 1. April und 31. Oktober Fahrverbot jeweils von 10:30 bis 19:00 Uhr für Sportboote ohne angemeldetes, zugelassenes und betriebsbereites UKW-Funkgerät.“ Mit anderen Worten: Ohne Funkgerät ist die Berliner Innenstadt mit Regierungsviertel in dieser Zeit für Sportboote gesperrt. Man muss vorher oder nachher schleusen. Jetzt feixt die Besatzung: „Na Papa, das hätte der Schiffsführer aber wissen müssen!“ Die Crew hat Recht: Ich habe die Fahrstrecken des diesjährigen Hausboot-Törns vor Ostern auf den Berliner Gewässern durchgeplant.

Ein traumhaftes Revier

„Die Berliner Gewässer sind übersichtlicher als der Stadtplan und leichter zu benutzen als die U- und S-Bahn“, heißt es im Törnplaner des Charterboot-Unternehmens. Grundsätzlich stimmt das auch, und tatsächlich ist Berlin die einzige Hauptstadt Europas, die mit Charterbooten befahren werden kann; ein traumhaftes Revier mit seiner Fülle an Kanälen und Flüssen sowie kleinen und großen Seen. So habe ich für meine Crew einen Rundtörn geplant, der von der Charterbasis in Zeuthen am südöstlichen Stadtrand Berlins über den Seddiner See, die Rüdersdorfer Gewässer und den Müggelsee nach Köpenick, durch den Teltowkanal nach Tempelhof und zurück über die Spree-Oder-Wasserstraße und die Dahme-Wasserstraße führt. Auf der Strecke gibt es zahlreiche Anleger mit „Landstrom“ und Einkaufsmöglichkeiten. Für die rund 130 Kilometer haben wir vier Tage Zeit; der Hausboot-Törn sollte mit einer durchschnittlichen Marschfahrt-Geschwindigkeit von 10 km/h also bequem zu schaffen sein.

Salon mit Fußbodenheizung

Meine Crew besteht aus meiner Frau Stefanie und meinen beiden Söhnen Lorenz (16 Jahre) und Jonathan (13 Jahre). Es ist unsere dritte Hausboot-Unternehmung nach einem Törn durch die Mecklenburgische Seenplatte 2011 und die niederländische Provinz Friesland 2016. Wir sind also nicht unbedingt eine erfahrene Bootscrew, aber mit dem Leben an Bord eines Hausbootes schon ein wenig vertraut. So haben wir uns in unserem schwimmenden Ferienhaus, einer „Aquino 1190“, schnell eingerichtet. Den Jungs gefällt vor allem die schnittige Motoryacht-Form des Bootes und die Joysticksteuerung von Bug- und Heckstrahlruder. Sie erlaubt paralleles An- und Ablegen, Drehen auf der Stelle und punktgenaues Einparken. Da ist es fast egal, dass der 55 PS Diesel nur eine Höchstgeschwindigkeit von 15 km/h erlaubt.

Gleichwohl ist auf den Berliner Gewässern für die Aquino 1190 ein Führerschein erforderlich. Auch meine Frau fühlt sich wohl: Das Boot ist mit Einbauherd- und Backofen, Kühlschrank, zwei Duschen und zwei elektrischen Toiletten ausgesprochen komfortabel ausgestattet. Sehr angenehm: Der Salon hat sogar eine Fußbodenheizung!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Liegeplatz am Hafenspeicher

„Welchen Liegeplatz nehmen wir?“ ruft mir Lorenz, unser Steuermann, vom Außenfahrstand zu. Ich bin erstaunt: Solch einen großzügigen Hafen hatte ich nicht erwartet. Fast zwei Stunden waren wir den Teltowkanal von der Spree-Oder-Wasserstraße kommend stromauf gefahren – vorbei an trister Industrie-Architektur. Doch jetzt öffnet sich zur Rechten die denkmalgeschützte Anlage des Tempelhofer Binnenhafens mit recht ansehnlicher Umbauung: Im Süden der rote Klinkerturm des alten Ullsteinhauses, im Norden der historische Hafenspeicher, in den erst vor acht Jahren ein modernes Einkaufszentrum mit Ladenstraße eingezogen ist. Für Hafenflair sorgen die vielen Boote an den Stegen sowie die rekonstruierten Krananlagen. Hier gibt es rund 40 Plätze für Gastlieger. Ich verständige mich mit meinem Steuermann auf einen schönen Platz direkt am Steg vor dem Hafenspeicher. Der Crew gefällt es hier so gut, dass wir auch am folgenden Nachmittag wieder im Hafen Tempelhof festmachen. Der historische Flughafen Tempelhof ist in wenigen Minuten zu erreichen; auch bis Mitte sind es nur einige Stationen.

Letztes Frühstück an Bord

Die letzte Nacht liegt unser Boot am Steg des Wassersportzentrums Berlin am Müggelseedamm, kurz hinter dem Großen Müggelsee. Von hier ist es am nächsten Morgen nur noch eine knapp zweistündige Fahrt über die Dahme-Wasserstraße und den Zeuthener See zurück zur Charterbasis in Zeuthen. Die Crew schläft noch, als meine Frau und ich um 7:00 Uhr losmachen; ein ungewohntes Gefühl: wir beide allein am Außenfahrstand. Doch vom Motorengeräusch werden die Jungs schnell wach. Ein letztes Frühstück an Bord. Wir lassen den Törn noch einmal Revue passieren und sind uns einig: Auch wenn der Wunsch einer Fahrt an Kanzleramt und Reichstag vorbei nicht in Erfüllung ging, war der Törn durch die Berliner Gewässer ein großartiges Erlebnis – nicht zuletzt, da die Saison noch nicht begonnen hatte. So waren wir oft ganz allein auf dem Wasser unterwegs, mussten kaum ausweichen und fanden überall schnell einen Liegeplatz. Das wird im Sommer anders und nicht immer so einfach sein.