Einmal Elbe und zurück

Einmal Elbe und zurück

Augen auf bei der Berufswahl: Wenn man in einer Firma die Texterin ist und im Verdacht steht, ein Smartphone benutzen zu können, bekommt man für den Urlaub schnell mal aufgedrückt, die firmeneigenen Kanäle mit Storys zu versorgen. Da Instagram-Storys immer nach 24 Stunden im digitalen Nirwana landen, haben wir die Posts hier noch mal zusammengefasst und etwas ergänzt.

Von Dagmar Rockel-Kuhnle

Prolog

„Tschechien? Ernsthaft?“

„Klar, wir haben da jetzt schon die zweite Saison ein Boot und gefahren bin ich da noch nie!“

„Ja, wo denn auch!“

„Moldau und vor allem Elbe.“

„Hat die Wasser? Jetzt im August?“

„Werde ich dann ja sehen!“

Zugegeben, aus der Skepsis meiner mecklenburgischen Nachbarin sprach nicht allein das Trauma der nicht existierenden Reisefreiheit ihrer ostdeutschen Kindheit (die DDR-Bürger konnten üblicherweise nur die Grenzen zu Ostblock-Staaten passieren). Womit verbinden Boomer oder Gen-Z-Leute heute Tschechien? Die ersten Assoziationen sind abgerockte Kurorte, grölende Party-Touristen in Prag und knatternde Skodas in „3 Haselnüsse für Aschenbrödel.“

Als Wessi hatte ich den real existierenden Sozialismus höchstens mal in seiner Light-Version im damaligen Yugoslawien oder als Tagestourist in Ost-Berlin erlebt. So hatte ich unbeschwert nach der Wiedervereinigung zuerst die mecklenburgischen und märkischen Gewässer und später auch Masuren entdeckt – wunderschöne Reviere zum Boot fahren und Urlaub machen!

Jetzt ging es mir weniger um Tschechien. Mehr um die Elbe. Meinen Fluss. Ich bin in Hamburg an der Elbe aufgewachsen. Nur dass die Elbe in unserem Leben damals kaum vorkam. Sie war ein mit giftigen Chemikalien verseuchter Abfluss, in den wir auf Schulausflügen allerhöchstens mal unsere Füße eintauchen durften. Zum Segeln gab es die Alster, zum Baden fuhr man ins Hallenbad oder an die Ostsee. Ich bin fast 60 Jahre alt und noch nie in der Elbe geschwommen.

Das Boot, eine Kormoran 1140 mit zwei Kabinen, war frei, also ein paar Sachen gepackt und mit dem Auto waren wir nach fünfeinhalb Stunden Fahrt von der Müritz an der Moldau, in dem Dörfchen Nelahozeves. An Bord war es mollig warm wie in einer Sauna, wir verteilten den Inhalt des Kofferraums auf beide Schlafkabinen, Salon und Küche, dann ließen wir uns von Google die Supermärkte in der Nähe anzeigen. „Tesco in 3,5 Kilometer, den nehmen wir“, entschied ich gegen deutsche Discounter und Geschäfte mit zuvielen tschechischen Umlauten.

Bootskiste, Grill, für jeden eine Klamottentasche, Wein, Sportzeug und allerhand anderer Kruscht: So sieht eine Kofferraumladung Urlaubsgepäck auch bei uns aus.

Zwei Stunden später schaffen wir unsere Einkäufe an Bord: Wasser, Bier und Wein für zehn Tage, Kaffee, Milch, Käse, was zum Grillen, fürs Frühstück, Kuchensnacks und Erdnüsse für den Apero an Bord. Lange hatten wir vor dem Regal mit den Obstbränden gestanden und uns schließlich mit Hilfe des Internets für einen Sliwowitz aus dem Hause Jelinek entschieden. Eine gute Wahl, wenngleich es auch andere leckere Schnäpschen gibt, wie wir rausfinden sollten.

Bier: Wer hat’s erfunden?

Nachdem die Einkäufe einigermaßen an Bord verstaut und die Betten vorbereitet waren wollten auch unsere Mägen gefüllt werden. Glücklicherweise gibt es in der Marina Vltava (Vltava= tschechisch für Moldau) ein Restaurant mit luftigem Biergarten mit Blick über Moldau und Wälder auf der anderen Uferseite. Das Auto fuhr der Ehemann noch schnell von der Kaimauer (wir hatten zum Ausladen direkt neben der Salontür geparkt) auf den Parkplatz der Marina.

„Hmm, das Bier ist lecker!“ Ich stelle den Krug Únětice – eine lokale Brauerei bei Prag – ab.

„Kein Wunder, die Tschechen haben das Bier erfunden!“

„Ich dachte das waren die alten Ägypter?“

„Na, zumindest haben sie es perfektioniert.“

Im Sommer ist so ein Bier ja zügig verdunstet, so suchen wir uns für den Hauptgang einen Wein aus. Auch hier gibt es Regionales. Die Adelsfamilie Lubkowicz, der das geräumige Schloss im Dorf (und noch ein paar andere) gehört, baut auch Wein an. Leckeren Wein. Schnell haben wir uns aus der Speisekarte und den zahlreichen Infobroschüren an Bord zusammengereimt, dass wir in Melnik am Weingut der Familie vorbeikommen.

Als die Rechnung kommt, bin ich angenehm überrascht: Umgerechnet 35 Euro kostet unser Abendessen mit Bier, Wein und einem Nachtisch.

„Wenn das Essengehen hier weiterhin so günstig ist, müssen wir gar nicht mal so viel an Bord kochen!“ verkünde ich erfreut. Dann verdrücken wir uns an Bord, um auf dem Achterdeck unseren Slivovice zu verkosten.

  1. Tag: Frühstück auf dem Achterdeck

Es ist Mittag, als wir am nächsten Tag endlich auslaufen. Weit wollen wir nicht, die Moldau zu Tal bis Melnik, dem Ort wo die Moldau offiziell in die Elbe fließt. Eigentlich ist es umgekehrt, denn die Moldau führt mehr Wasser als die Elbe, also fließt die Elbe eigentlich in die Moldau, aber irgendein oller Mönch hat das bei seinen Aufzeichnungen mal so hingeschrieben und dann ist es dabei geblieben.

Schnell erreichen wir die erste Schleuse (Miřejovice). Ein seltsam hoher Steg mit Leitern dran kommt in Sicht. „Was ist das für ein komisches Gebilde?“ Zum näheren Untersuchen ist keine Zeit, denn die Schleuse zeigt grün, wir fahren in die für mecklenburgische Verhältnisse riesige Kammer ein. Die Moldau ist für Frachtschiffe ausgebaut und das zeigt sich auch an den Schleusen. Die an der Moldau lassen sich sogar noch erweitern, um besonders lange Schiffe aufnehmen zu können.

„Du nimmst den Poller, ich die Leiter“, sagt der Ehemann. Die Poller sind weit auseinander, so dass wir nicht gleichzeitig zwei erreichen können. Diese Schleusentechnik werden wir vorerst beibehalten. Beim Ausfahren ist an Backbord noch ein weiterer seltsam hoher Steg zu sehen, da klickt es bei uns: „Das ist eine Sportbootwartestelle!“

An Hopfenfeldern und Anglern vorbei tuckern wir zu Tal. Doll ist die Strömung nicht, das hatte ich schon heute morgen beim Schwimmen gemerkt. Es gab schon Strömung, aber solange ich gegenan schwimmen kann, hat unsere Kormoran damit auch kein Problem. Kurz bevor es in den Moldau-Seitenkanal geht, schiebt der Fluss mit vielleicht einem halben Kilometer pro Stunde.

Neun Kilometer weiter schicken uns die Verkehrszeichen ganz links ans Ufer. Rechts versperrt ein Wehr ohne Schleuse den Weg, die Schifffahrt wird über den Moldaukanal geführt. Nach ein paar hundert Metern halten wir vor einer Brücke mit einer roten Ampel. Die Brücke scheint passierbar, aber als Deutsche haben wir Respekt vor roten Ampeln. Wir warten. Irgendjemand wird uns schon per Videoüberwachung sehen und auf grün schalten, denken wir. Fünf Minuten später denken wir das immer noch. Auch nach 10 Minuten und einem kleinen Mittagssnack denken wir immer noch, dass bestimmt bald grün wird. Nach 15 Minuten kommen uns erste Zweifel. Wir versuchen Tomasz zu erreichen, der für Kuhnle-Tours die Übergaben macht und sich perfekt an den Wasserstraßen auskennt. Mailbox. Wir blättern in dem Stapel Infomaterial: Keine näheren Anweisungen. Hmmm.

Rote Lichter überfahren? Darf man das?

Irgendwann nehmen wir allen Mut und kriminelle Energie zusammen und fahren einfach los. Auch die nächste Brücke zeigt ein rotes Licht. Jetzt kommt es schon nicht mehr drauf an, denken wir uns und tuckern vorsichtig weiter. Später lernen wir, dass diese Ampelregelung verhindern soll, dass sich im engen Kanal zwei dicke Pötte begegnen. Für unser kleines Sportboot gelten sie nicht.

Nach acht Kilometern erreichen wir die historische Schleuse von Hořín. Sie ist mit dem Kanal Anfang der 20. Jahrhunderts gebaut worden und die älteste Zweikammerschleuse Tschechiens. Vom Oberwasser sieht sie durchaus nicht besonders spektakulär aus. Nur etwas irritiert sind wir, dass wir das untere Tor beim Einfahren nicht genau sehen. Während wir abwärtsschleusen dämmert mir langsam warum nicht: Die Schleuse hat mehr als 8 Meter Hub. Nach und nach wird vor uns an der Stirnseite der Kammer eine Öffnung sichtbar, durch die wir schließlich herausfahren. Vom unteren Vorhaufen erstreckt sich die Schönheit der aus Steinblöcken gebauten Doppelschleusenportals mit über die ganze Kanalbreite. Wow! Zu K-und-K-Zeiten hat man nicht nur zweckmäßig, sondern auch stilvoll gebaut. Dass 2019 die Durchfahrtshöhe auf 7 Meter angepasst werden musste stört die schöne Jugendstil-Fassade nicht: Man hat einfach einen Teil des Oberbaus auf hydraulische Stempel gesetzt, die für höhere Schiffe hochgefahren werden.

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In Melnik wünschen wir uns einen der schönen Stadtanleger, die wir später noch kennen- und schätzen lernen. Es gibt dort aktuell (Sommer 2026) einen Liegeplatz für ein Fahrgastschiff direkt vor dem Weingut auf der Stadtseite. Außerdem einen Liegeplatz mit Landzugang unterhalb der großen Brücke und einen Paddelsteg kurz vor der Einfahrt in einen Altarm oberhalb der großen Brücke.

Der Liegeplatz mit Landzugang ist besetzt, wir könnten zwar vor oder hinter dem anderen Boot anlegen, dann würden wir aber nicht an Land kommen. Und Melnik wollen wir uns natürlich angucken, vor allem das Weingut derer von Lobkowitz. Wir machen einen Bogen und fahren von unten kommend den Paddelsteg an. Einschlechtes Gewissen haben wir nicht, weil gleich unterhalb der Brücke ein kleiner Strand ist, von dem man aus wunderbar und ohne Treppenstufen Paddelboote ins Wasser setzen kann. Maschine aus und ordentlich anziehen für den Landgang.

Erster Törntag: von Nelahozeves nach Melnik, zwei Schleusen, 21 Kilometer gefahren.

Unser Ziel ist das Weingut am anderen Flussufer. Unser Plan: Ordentlich Weine probieren, das eine oder andere Fläschchen für unterwegs mitnehmen und auf dem Rückweg mit dem Auto noch mal ranfahren und ein paar Kartons einladen. Natürlich nur, wenn der Wein lecker ist.

Leider ist in Tschechien die Idee der kostenlosen Probierschlückchen unbekannt. Man kauft also ein kleines oder großes Glas, setzt sich damit in der Garten am Labeufer oder schlendert weinschlürfend umher, bis das Glas alle ist, dann holt man sich das nächste. Wir schaffen es sechs Weine und einen Traubenbrand zu probieren, machen uns Notizen, was wir am nächsten Tag kaufen wollen und fragen nach einem Restaurant-Tipps für das Abendessen.

Der Weg zu Fuß hinauf in die Altstadt von Melnik ist steil, aber glücklicherweise geht es durch einen schattigen Wald und in regelmäßigen Abständen sind Bänke zum Verschnaufen aufgestellt. Auch das empfohlene Restaurant finden wir ohne Problem und lassen uns das Essen schmecken.

Am nächsten Morgen bin ich früh auf, denn heute kann ich etwas tun, das mir in meiner Kindheit versagt war: Ich werde in der Elbe baden. In meinem Fluss! Noch vor dem Frühstück ziehe ich den Badeanzug an, bereite Duschgel und Handtuch auf der Badeplattform vor und klappe die Badeleiter aus. ,Erst mal die Strömung auschecken‘, denke ich ,das ist hier schließlich die Elbe!‘ und mache mich Richtung Bug auf den Weg. Und kratze mir die Knie auf. Gleich neben unserer Kormoran ist das Wasser vielleicht noch fünfzig Zentimeter tief. Zum Schwimmen langt es nicht. Der Grund ist steinig, so dass es auch nicht wirklich schön ist, mit den Füßen zu loten. Tatsächlich haben wir wohl bei der Ansteuerung gestern Nachmittag die einzige Rinne getroffen, die genug Wasser für unsere 75 Zentimeter tief gehende Kormoran hatte. Uupsi.

Zu flach zum Schwimmen, aber fürs Boot reichts

Also schwimme ich mit der Strömung unter der Brücke durch in Richtung deutsche Grenze. Vorsichtshalber drehe ich aber immer wieder gegen den Strom, um nicht weggetrieben zu werden. Auch meine Schwimmboje habe ich mir umgebunden, sicher ist sicher.

Boots-Führer: Mensch und als Download

Beim Frühstück kommt Tomasz Kolarik vorbei. Er betreut unsere Boote in Tschechien, macht die Übergaben und arbeitet an der Entwicklung der Wasserstraßen für Touristen mit. Jetzt können wir das Briefing nachholen, dass er uns aus Zeitgründen gestern nicht geben konnte. Wie funktioniert Strom und Wasser an den Anlegestellen, was ist wo im Revier und viele weitere Infos bekommen wir. Außerdem ist das Boot voll mit Prospekten, Flyern und Broschüren, zum größten Teil auf Deutsch, der Revierführer ist auf tschechisch an Bord, aber wir hatten bereits in Deutschland die englische Version heruntergeladen und ausgedruckt.

https://www.sccr.cz/wp-content/uploads/2024/02/Cruising-Guide-2024.pdf

Beim Frühstück kommt Tomasz zu Besuch. Unser Mann hier vor Ort. Er versorgt uns noch mit weiteren Tipps, die er unseren Bootscrews eigentlich bei der Übergabe mitgibt, da er aber gestern keine Zeit hatte, sind wir schon mal losgefahren und er holt das Briefing heute nach.

Törnplanung: An Bord sind reichlich Unterlagen über das Revier und lohnende Landgänge, auch für Radfahrer und Wanderer sind eigene Führer an Bord.

Tomasz erklärt uns, dass wir bitte, bevor wir wieder Richtung Nelahozeves fahren, zur Tankstelle in Roudnice fahren sollen um Diesel zu bunkern, das sei die einzige Tankstelle.

Derart frisch und kompetent gebrieft, machen wir uns auf den Weg, die Elbe hinauf. Naja, noch nicht ganz. Wir müssen noch ein paar Flaschen von dem Wein besorgen, den wir gestern ausgesucht hatten. Das Weingut hat einen Anleger für Fahrgastschiffe. Wir riskieren es dort anzulegen um uns die Schlepperei der Flaschen zu ersparen.

Der Ehemann schärft mir ein, auf dem Achterdeck sitzen zu bleiben und Ausschau nach dem Fahrgastschiff zu halten. Wenn es sich nähert, soll ich ihn schnell herbeitelefonieren. „Alles klar“, sage ich, nehme mir mein Buch und mache es mir auf zwei Stühlen gemütlich. Es ist aber auch herrlich, hier auf der Elbe in der Sonne zu hocken, zu lesen, mit Siegfried Lenz auf einem Feuerschiff auf der Ostsee von Gangstern überrascht zu werden, ab und zu tutet das Nebelhorn. Nebelhorn? Hat da eben auch hier was getutet? Oh Schreck, das Fahrgastschiff kommt! Jetzt hat es schon wieder einen langen Ton gegeben. Hektisch mache ich mich auf die Suche nach meinem Telefon und starte nebenbei den Motor. Da kommt der Gatte auch schon mit Weintüten beladen angerannt. „Der hat doch schon mehrfach getutet! Wieso hast Du nicht angerufen?“ Er springt an Bord, wir werfen schnell los, um dem Fahrgastschiff Platz zu machen. Ich verbeuge mich um Verzeihung bittend beim Ablegen vor dem Kapitän, er winkt lachend ab, nicht so schlimm. Uff!
 

Grüne Ufer: Zeitraffer-Video von der Elbe.

Strömung? Ach was!

Jetzt wird es also ernst. Wir fahren die Elbe zu Berg. Als wir das das letzte Mal versucht haben, kurz vor Magdeburg, habe ich mir noch eine Viertelstunde lang den gleichen Busch am Ufer angeguckt. Eine Kormoran fährt zehn Stundenkilometer, wenn einem der Fluss mit fünf km/h entgegenkommt, liegt man theoretisch immer noch fünf km/h vorne. Aber praktisch gibt es eben auch Brücken oder Engstellen, an denen so ein Fluss schneller fließt. Die gute Nachricht: Nicht hier an der tschechischen Elbe. Denn hier hat man in den 50er Jahren Schleusen und Wehre gebaut, die den Fluss stauen, abbremsen und die umliegende Landschaft und Landwirtschaft mit Wasser versorgt. (Wenn ein Flussabschnitt gestaut ist, steigt in dessen Umgebung auch der Grundwasserspiegel.)

Wir fahren mit satten 10,4 Stundenkilometern die Elbe zu Berg, die Strömung kann hier nicht mal ein Kilometer pro Stunde betragen. Irgendwann sind die Schleusen zu und es ist weit und breit kein Hafen in Sicht. Schließlich entdecken wir eine wacklige mehr ehemalige Befestigung mit ziemlich fragilen Klampen dran. Nun ja, nicht gerade ein Ort, den man Kunden empfehlen könnte, aber wir sind abenteuerlustig: Es sieht weder nach Wind noch nach schlechtem Wetter aus, wir legen an, binden uns irgendwie fest und heizen den Bootsgrill an.

Zweiter Törntag: von Melnik bis kurz vor Lysa, fünf Schleusen, 48 Kilometer gefahren.

Schleusentechnik

Das Schleusen hier ist unproblematisch. Die Schleusen geräumig zu nennen ist bei einer Kammergröße von 85 mal 12 Metern eine glatte Untertreibung. Gleichwohl gibt es hier an der Elbe, anders als an der Moldau, keine Sportbootwartestellen. Wir behelfen uns damit, dass wir am äußeren Ende des trichterförmigen Leitwerks festmachen um zu warten bis wir einfahren dürfen. Das Leitwerk ist so breit, dass locker noch ein Frachter an uns vorbei passt.

In der Kammer machen wir vorne an der Leiter und hinten an einem Poller fest. Diese Technik behalten wir bis Hradištko bei. Hier weist und der Schleusenwärter an, dass wir das bitte sein lassen sollen.

Die tschechischen Sportboote schleusen alle mit Mittelklampe und einem Poller. Aber die sind auch kleiner und leichter als wir. Auch eine Kormoran 1140, die ja die zweitkleinste Kormoran ist, wiegt noch fröhliche 19 Tonnen. Nun denn, seit Hradištko schleusen wir auch mit der Mittelklampe. Für mich hat das den Vorteil, dass ich gemütlich auf dem Achterdeck mit meinem Buch bleiben kann, während der Ehemann die Leine führt und den Motor abstellt. Das wäre schon mal gelungen. Natürlich übernehme ich auch immer mal das Steuer, vor allem um die Mittagszeit, wenn mein Mann unter Deck verschwindet um uns einen Snack zu machen. Work-Life-Balance kann ich! (Bevor jetzt die Männergruppen zur Rettung angeritten kommen: Der Gemahl wäscht nur äußerst selten ab, deckt keinen Tisch und das Aufräumen hat er auch nicht erfunden.)

Kolin – Stolpersteine

In Kolin sind wir mit Schwägerin und Schwager verabredet. Die beiden sind mit dem Wohnmobil unterwegs und haben schon eine Bar für einen Apero mit Flussblick in der Nähe des Anlegers ausgemacht. Wir machen das Boot fest, stecken den Strom ein und lassen uns mit Bier und Aperol Spritz in die Liegestühle fallen.

Später fahren wir mit dem Wohmobil rüber in die Stadt zu einem Restaurant, dass wir uns über Google gesucht haben. Die Stadt ist nicht weit, aber mein Schwager ist nicht gut zu Fuß, so können wir heute Abend auch ein bisschen faul sein. Es gibt Rippchen in derartiger Menge, dass wir die Teller nicht leer essen können und zurück an Bord erst mal ein Schnäpschen brauchen. So muss das im Urlaub!

Dritter Törntag: von kurz vor Lysa bis Kolin, sieben Schleusen, 43 Kilometer gefahren.

Portal des jüdischen Friedhofs in Kolin. Mitte des 19. Jahrhunderts war fast ein Viertel der Koliner Bevölkerung jüdischen Glaubens.

Am nächsten Morgen müssen wir ein paar Vorräte ergänzen und spazieren über Flussbrücke und Bahnbrücke in die Stadt. Da wir als erstes auf den alten jüdischen Friedhof treffen, ist es auch ein kleiner Stadtrundgang den wir machen. Später besuchen wir die Synagoge, die in einem Hinterhof untergebracht ist und einen Nebenraum für Ausstellungen hat, in dem in diesem Sommer die Geschichte von einer Gruppe jüdischer Mädchen in der Nazizeit erzählt wird. Kolin war eine der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Böhmen, entsprechend wird die Geschichte gewürdigt. Praktischerweise ist im Vorderhaus die Touristinfo untergebracht, in der wir noch einen Schwung Infomaterial bekommen. Schon gestern waren uns an mehreren Stellen Stolpersteine aufgefallen.

Ein Biomarkt und ein Supermarkt versorgen uns mit allem, was uns noch fehlen könnte. Dann geht es wieder rauf auf den Fluss, der hier wirklich kein Strom mehr ist. Unser erstes Ziel ist der Campingplatz von Tynec, wo wir Schwägerin und Schwager an Bord nehmen wollen.

Chvaletice: Elbes Ende

Zwei Schleusen sind zu passieren dann sind es vom Steg in Tynec noch sechs Kilometer bis Chvaletice. Hier gibt es eine Werft, in der die Fahrgastschiffe und andere repariert werden können. Weiter als bis hierhin muss niemand fahren. Der Fluss ist hier breit genug, dass auch große Schiffe wenden können. Tomasz hatte uns davor gewarnt weiter zu fahren, die tschechische Wasserstraßenverwaltung pflege die Elbe oberhalb nicht, eine Tiefe von einem Meter sei nicht garantiert. Wir versuchen es natürlich trotzdem. Ziemlich schnell beginnt es modrig zu müffeln, ein Blick ins Kielwasser zeigt, dass der Propeller eine Spur aufgewirbeltem Schlick zieht. Das Echolot zeigt minus 30 Zentimeter. Nix wie weg hier.

Wir legen an der sehr ruhigen Werft an und machen eine kleine Mittagspause, ich drehe eine kleine Schwimmrunde. Noch drei weiteres Schleusen gibt es hier, doch schon die erste, Přelouč, ist dauerhaft gesperrt. Für Boote, die um die Schleuse herum getragen werden können, geht es noch 30 Kilometer weiter elbaufwärts bis nach Pardubice. Wir machen uns auf den Rückweg zum Campingplatz nach Tynec, der auch eine Marina haben soll. Die Marina Tynec kann man nicht für Chartercrews empfehlen. Es gibt keine ausgewiesenen Plätze für Gäste und die Spundwand am Ufer und ihre Ausleger sind eher für nette kleine leichte Sporrtboote dimensioniert. Bei näherem Anfahren sind auch die paar Meter freie Spundwand wenig verlockend: Unmittelbar davor liegen ein paar ziemlich große Steine im Wasser. Schade eigentlich, denn der Campingplatz ist sehr gastfreundlich, gut ausgestattet und schön gelegen.

Vierter Törntag: von Kolin nach Chvaletice, drei Schleusen, 18 Kilometer gefahren …

… und zurück bis nach Tynec, eine Schleuse und sechs Kilometer.

Nymburk und Poděbrady: Alte und neue Steine

Ab jetzt geht es die Elbe bergab: Unser Ziel für heute ist die Stadt Nymbork, die uns auf dem Hinweg schon mit ihren hübschen alten Brücken aufgefallen war. Außerdem soll es dort eine Eismanufaktur geben. Achja, und eine lange zusammenhängende Stadtmauer.

Was wir dabei verpassen ist Poděbrady. Der Kurort hat eine berühmte Mineralquelle und ein Steine-Museum, das „Museum of Bricks“ in dem es über 1000 Lego-Modelle zu bestaunen gibt. Und eine Bauecke, die ausdrücklich für alle Altersgruppen gedacht ist. Sei’s drum, man kann ja noch mal herkommen.

Nach sechs Schleusen bei wärmsten Sommerwetter und fast 37 Kilometern Fahrt, gibt es abends eine Schwimmrunde in dem geräumigen Hafenbecken an einem schönen Park und zum Essen ausnahmsweise mal wieder den Bordgrill.

Fünfter Törntag: von Tynec nach Nymburk, sechs Schleusen, 36,5 Kilometer gefahren …

Auch Nymburk lohnt den Landgang. Es sind nur ein paar Schritte von dem Stadtanleger durch ein kleines Tor in der Stadtmauer. Schnell haben wir auch bei der Kirche die Eismanufaktur gefunden und gönnen uns jeder drei Kugeln, die wir im Schatten auf einer Bank vor der Kirche genießen. „Und?“ fragt der Gatte, „wie ist das Eis?“ Da ich zu Hause unser Speiseeis selbst mache (wir wohnen zu weit weg von der nächsten Eismanufaktur), gelte ich eismäßig als Fachfrau. „Joar“, antworte ich. „Hätten büschen großzügiger mit der Vanille und der Nusspaste sein können. Und mein Schokoeis ist schokoladiger.“ Trotzdem: Das Eis ist ordentlich und frisch. Aber ich beziehe Kakao und Kuvertüre für mein Schokoeis aus Saverne und meine Vanille habe ich aus Mauritius mitgebracht. Das ist dann schon ein bisschen leckerer.

Dafür finden wir ein paar Meter weiter eine Fleischerei und decken uns dort mit frischem Geflügel, Aufschnitt und leckeren Würstchen zum Snacken ein.

Blaue Jungs im Aluboot

In der Nähe von Brandys soll es einen Wasser-Freizeitpark in einem mit der Elbe verbundenen Baggersee geben. Den wollen wir uns genau ansehen. Nur ist es leider mal wieder Mittag, bis wir loskommen. Naja, dafür haben wir Eis gegessen und gute Wurst gebunkert.

„Ach guck, die Wasserschutz ist unterwegs“, sagt mein Mann – harmlos und gesetzestreu wie er nun mal ist –  als wir an deren Bootsgarage vorbei fahren. Ein Tor steht offen, also werden die wohl auf Patrouille sein. Wir machen uns keine weiteren Gedanken und tuckern unseres Weges. Von Schleuse zu Schleuse. In Hradištko müssen wir – anders als sonst – eine ganze Weile warten. Wie gehabt am äußersten Ende des breiten Leitwerks. Als sich die Tore endlich öffnen, kommt ein süßes kleines Aluboot herausgefahren. Es hält direkt auf uns zu, beim zweiten Blick erkennen wir, dass es allerhand Technik auf dem Dach hat. Die Wasserschutz! Sie kommen bei uns längsseits.

Die beiden Beamten sind überaus freundlich, einer spricht sehr gut Englisch. Sie kontrollieren unsere Bootspapiere und erklären uns, dass wir nicht am Leitwerk festmachen dürfen. Sie haben Verständnis für unsere Erklärung, dass es eben leider keine Wartestelle für Sportboote gibt und die Wartestelle der Berufsschiffe für uns einfach ungeeignet ist. Mit höflichem Bedauern erklären sie uns, dass sie uns kostenpflichtig ermahnen müssen, damit wir keine weiteren Gesetze brechen. Wir müssen bitte 100 tschechische Kronen Strafe zahlen. Das sind umgerechnet etwa vier Euro inklusive einer ordentlichen Quittung, die wir unaufgefordert bekommen. Kaffee und Kekse (war gerade ohnehin fertig) lehnen sie ab. Aber ein Bild darf ich von ihnen machen.

Wasserschutzpolizei auf der Elbe: Festmachen am Leitwerk ist nicht.

Mal ein paar Bemerkungen zu den Stadtanlegern. Sie sind sich alle ähnlich und ich muss sagen: Wenn man einen Standard für Stadtanleger festlegen wollte, wie die gebaut sein sollten – so wie die Tschechen das machen, ist es das absolute Optimum: Edelstahl, Fangnetze, Stromsäulen, rutschfeste Holzbeplankung und Wasserzapfstellen, alles einheitlich mit der Karte an Bord zu bedienen. Supersolide verarbeitet, perfekt geschweißt oder geschraubt, ordentlich beschildert. Die Poller solide und überreichlich vorhanden. Die Seitenstege sind leicht geneigt, so dass sie der Strömung nicht zuviel Widerstand entgegenbringen. Und dabei für 48 Stunden kostenlos. In Deutschland und Frankreich ist man schon froh, wenn irgendwo ein Ring einbetoniert ist, oder der Steg so gebaut ist, dass man irgendwo eine Leine anbinden kann. Von Pollern aus Edelstahl brauch man hier gar nicht anfangen.

Einziger Verbesserungsvorschlag wäre, sie künftig auch für größere Boote auszulegen. Eine Kormoran 1280 würde wohl noch passen, aber eine 15er wäre schon zu schwer und zu lang für die Seitenstege. Und eine Badeleiter wäre nett, aber offiziell ist an den Anlegestellen das Baden verboten und man will wohl die örtliche Jugend nicht anlocken, in dem man eine Badeleiter installiert. Mehr dazu im Video.

Sechster Törntag: von Nymburk nach Brandys nad Labem, fünf Schleusen, 31 Kilometer gefahren

Fischtreppe mit Spaßfaktor

Zum Abendessen machen wir uns auf den Weg zu einem von Google empfohlenen Restaurant, dem „Brandejská Hospoda“. Spezialität: Rindfleisch vom Holzkohlegrill und Bier einer örtlichen Brauerei. Es sind nur kurz über 500 Meter zu laufen, trotzdem brauchen wir ein Weilchen: Der Weg führt über einen Wehrarm, in dem eine Wildwasser-Kanustrecke eingebaut ist. Kanuten und sogar SUP-Paddler stürzen sich in die wilden Wellen. Da müssen wir erst mal ein Weilchen zugucken.

„Das ist mal neu Fischtreppe mit Spaßfaktor“, bemerkt der Gatte trocken. Ich denke an die Fischaufstiegsanlage an der Schleuse Steinhavel: In Serpentinen aus Granit und Kiesbett wird dort das Wasser auf einem Meter Breite so abgebremst, dass Fische den Höhenunterschied überwinden können. Ob diese Strecke hier für einen Fisch zu Berg zu schaffen ist? Ich denke eigentlich schon, denn Tschechien ist seit 2004 in der EU und muss sicher beim Bau derartiger Dinge die auf die gleichen Umweltregeln achten wie alle anderen auch.

An Elbe und Moldau finden wir noch weitere dieser Wildwasser-Bypässe. Wäre so etwas bei uns möglich? Ich hab da so meine Zweifel.

Das Steak in Brandys ist amtlich.

Am nächsten Morgen fülle ich unseren Wassertank auf. Der Schlauch im Boot hat eine spezielle Kupplung, die perfekt an die Zapfstelle am Steg passt. Karte ranhalten und in 50-Liter-Schritten die Füllmenge wählen.

Wasserspielplatz für groß und klein

Kurz darauf steht dann die Besichtigung der Wakeboard-Seilbahn-Wasser-Spiel-Strand-Camping-Landschaft ein Stück elbabwärts an. Anlegen ist auch für größere Boote möglich.

Der Wake Port bietet wirklich alles, was man sich am Wasser wünschen würde (naja, außer Tauchen). Es gibt schwimmende Ferienwohnungen, SUPs, eine schwimmende Sauna, einen Wasserspiel-Hüpf-Kletterpark, Co-Working-Spaces, man kann e-Foils ausleihen, Wasserski oder Wakeboarden an mehreren Seilbahnen fahren, Strand, Sanitärbereiche und Gastro gibt es natürlich auch. Und der Parkplatz sieht auch sehr danach aus, dass da auch keiner mit Zelt oder Wohnmobil weggeschickt wird. Wenn ich noch mal Teenies zu betreuen hätte: Hierher kommen, Liegestuhl aufs Achterdeck stellen und den ganzen Tag lesen, während die Kids unterwegs sind.

Nachdem wir alles angeguckt haben, hat uns der Fluss wieder. Kurz vor Melnik passieren wir ein großes Containerterminal. Und waren ja immer mal Berufsschiffe begegnet, die Container oder Schüttgut geladen hatten, aber wenn man sich die Wasserstandsmeldungen auf der deutschen Elbe so anguckt, fragt man sich doch, wo diese ganzen Container herkommen und vor allem wer die hier abholen soll? Wenn man sich die bunten Wände der genormten Transportkisten anguckt, kommt einem der Gedanke, was auf der Elbe an Frachtschifffahrt möglich wäre, wenn es denn zwischen Tschechien und wenigstens Magdeburg Schleusen gäbe und damit einen regulierten Wasserstand, einen erhöhten Grundwasserspiegel, Wasserkraftwerke und vielleicht sogar Kanurennstrecken gäbe. Ein durchschnittliches Binnenschiff kann soviel Waren transportieren wie 150 LKW.

Ich teile diese Gedanken auf unserer Facebookseite und es entwickelt sich ziemlich schnell eine rege Diskussion dazu, die auch für mich überraschende Aspekte zu tage bringt. Wer Lust hat, das mal anzugucken: https://www.facebook.com/share/r/1EwFGY5rvA/

Siebter Törntag: von Brandys nad Labem nach Steti, vier Schleusen, 44 Kilometer gefahren

Štětí – Anleger zwischen Lidl und Beachbar

In Štětí legen wir an einem schönen Park an. Gleich um die Ecke gibt es einen Lidl und ein paar Meter am Ufer entlang soll es eine Art Beachbar geben, die legendär gemütlich ist. Also nichts wie hin. Der Laden ist gepackt voll, es gibt Livemusik, alle sind bester Laune, das macht uns schon mal Hoffnung. Wir quetschen uns an einen Biergartentisch. Essen und Bier gibt es per Selbstbedienung, die Schlange ist lang, die Karte eher übersichtlich. Möglicherweise haben wir einen schlechten Tag erwischt, nach einem zähen Stück Fleisch mit Salat aus dem großen Eimer vom Gastro-Großmarkt trinken wir das zweite Bier und ein Schnäpschen zum Trost lieber bei uns an Bord. Immerhin hatten wir einen schönen Spaziergang am Ufer.

Bunkern leicht gemacht

Heute steht der Tankstopp in Roudnice an. Der Gatte hatte in den letzten Tagen mit wachsender Unruhe die Nadel des Füllstandsanzeigers beobachtet. Sie hat die Mittelmarkierung erst kürzlich verlassen, aber so ganz traut er dem Instrument nicht. Wenn mitten auf einem Fluss mit Strömung (möge sie auch gering sein) der Motor ausgeht, haben wir ein Problem, das schlimmer ist, als wenn uns Schnaps und Schokolade ausgehen. Als der solide Betonsteg der Tankstelle in Sicht kommt, dreht der Ehemann erleichtert auf und legt gegen den Strom an.

Das Tanken selbst ist unkompliziert, dank der an Bord liegenden Bezahlkarte und einer Anleitung die uns mit dem ansonsten auf tschechisch kommunizierenden Tankautomaten vertraut macht. Am Ende war unsere Tanknadel in Ordnung, etwas mehr als 300 Liter passen rein, bei den aktuellen Dieselpreisen sind wir jetzt deutlich wertvoller geworden.
 

Hier unten ist die Elbe noch schöner als oben. Wir fahren zwischen Bergen hindurch, die mal mit Wein und mal mit Wald bewachsen sind. Es sieht eigentlich genauso aus wie an der Mosel oder an der Saar. Hier und da eine kleine Ortschaft und ein Bähnle, dass am Ufer entlangfährt. Modeleisenbahnlandschaft in Tschechien. Schaut Euch die Videos an.

Tiefste Stelle – umdrehen

Und dann ist auch schon die letzte Schleuse erreicht. Im Ortsteil Strekov von Usti nad Labem können wir Schleuse, Kraftwerk und Wehr nur von oben angucken. Noch gut 20 Kilometer sind es unterhalb der Schleuse bis aus der Labe die Elbe wird, aber da das Wasser von hier bis zur Doppelschleuse Geesthacht einfach so wegfließt ist schon seit Juli nicht mehr genug Wasser in der Elbe. Vielleicht würde es für unsere flach gehende Kormoran noch reichen, da es aber zu flach für die Peilschiffe ist, ist es mehr als unsicher, ob man der Betonnung trauen kann. Ich würde zu gerne die Strecke bis nach Magdeburg einmal selbst mit dem Boot fahren, dann würde mir nur noch Dömitz-Hamburg fehlen und ich hätte meinen Fluss einmal komplett im Kielwasser. Nunja, irgendwann muss die Klaipeda ja mal zurück an die Müritz.

Achter Törntag: von Steti nach Usti nad Labem und wieder zu Berg bis Brná, vier Schleusen, 69 Kilometer gefahren, das Tracking ist hier ungenau, war auch ein langer Fahrtag.

Wir drehen um und fahren wieder zu Berg bis zum Stadtsteg von Brná, wo es einen Wohnmobilstellplatz mit Kinderpool und einen Barcontainer mit selbstgemachtem Eis gibt. Das Wasser ist hier endlich wieder etwas einladender, so bekomme ich nach dem langen heißen Fahrtag eine ausgiebige Schwimmrunde. 

Weinprobe mit dem Boot

Am nächsten Tag wollen wir uns die Weinorte einmal genauer ansehen. Auf dem Rückweg an die Müritz mit dem Auto können wir dann ja immer noch anhalten und einkaufen. Unser erster Halt gilt Žernoseky. Die Steganlage des Segelclubs erscheint uns nicht so richtig geeignet. Doch ein Stück weiter gibt es eine Art Fähranlger, nur eine Fähre können wir nirgends sehen. Also machen wir hier fest und wandern in den Ort. Gleich hinter der ersten Brücke steht ein Wegweiser zu (höchstwahrscheinlich, ist er auf tschechisch) fünf Weinbauern. Frohen Mutes machen wir uns auf den Weg. Auch hier machen wir wieder die Erfahrung, dass das Thema Probierschlückchen in einem Land mit 0,0 Promille nicht mehrheitsfähig ist und kaufen ein paar Flaschen auf Verdacht.

Ein anderer Winzer zieht ziemlich geschlossen aus, hat aber einen gemütlichen Garten. Den merken wir uns für den Rückweg vor. Dann beeilen wir uns wieder an Bord zu kommen, bevor es Ärger gibt.

Zu Žernoseky gehört ein ehemaliger Baggersee, der von der Elbe aus erreichbar ist und einen Yachthafen hat. Wir drehen eine Runde auf dem von Weinbergen umgebenen See, verzichten jedoch auf die nähere Erkundung, weil wir uns noch Litomerice ansehen wollen, merken uns den See aber als Ankerplatz.

Litomerice – Geschichte und Technik

In Litomerice haben wir weniger Zeit als wir uns gewünscht hätten. Die Stadt ist hübsch, der Anleger nah. Wir bewundern die ausgeklügelte Hochwasser-Hebetechnik des Anlegers. Dass die Elbe staureguliert ist, heißt ja nicht, dass es hier niemals Hochwasser geben kann.

Hochwasser-Hebemechanismus: Bis zu vier Meter Wasserstandsschwankung können die kostenlosen Anlegestellen abpuffern.

Von der kostenlosen 48-Stunden-Liegestelle legt mehrmals am Tag ein kleines Ausflugsboot ab. Es fährt über die Elbe in den Fluss Eger bis zur tschechischen Stadt Terezin, die in der NS-Zeit Theresienstadt hieß. Über 141.000 Menschen waren hier interniert, eine Gedenkstätte und ein Museum erinnern an ihr Leid.

Neunter Törntag: von Brná bis Žernoseky, keine Schleusen, 12 Kilometer gefahren

Neunter Törntag: von Žernoseky bis Litomerice, eine Schleuse, 10 Kilometer gefahren

Neunter Törntag: von Litomerice bis Roudnice, zwei Schleusen, 19 Kilometer gefahren

In Roudnice ist der Anleger ein bisschen weiter weg vom Stadtzentrum. Erst geht es eine Treppe hoch, um die Stromlieferung zu aktivieren, dann nach anderthalb Kilometer Fußmarsch wäre das die Stadt überragende Schloss erreicht. Wäre, weil wir glücklicherweise nicht zu Fuß gehen müssen, sondern von Tomasz mit dem Auto abgeholt werden. Er hat schon einen Tisch in einer kleinen Gartenwirtschaft reserviert, immerhin können wir von Außen einen Blick auf der Schloss werfen und die historischen Türme der Stadt sehen. Die schöne Stahl-Fachwerkbrücke von 1910 ist von Gerüsten verhüllt und wegen Bauarbeiten gesperrt. Sie ersetzte eine Steinbogenbrücke, die im 14. Jahrhundert die erste Brücke war, die die böhmische Elbe überspannte.

Am nächsten Morgen füllen wir den Diesel noch einmal bis zum Anschlag auf und tuckern weiter zu Berg.
 

Unser letzter Halt auf der Elbe gilt dem kleinen Stadtsteg von Libechov, wo es ein schönes Schloss gibt. Ich überlasse dem Gatten die schweißtreibende Wanderung und drehe lieber eine Schwimmrunde in der Elbe. Leider befinden wir uns sehr knapp unterhalb der Schleusen von Dolni Berkovice. Die Haltung zwischen hier und Steti ist mehr als zehn Kilometer lang, entsprechend stark ist die Strömung dicht am Wehr.

Dann ist es nur noch ein kleines Stück bis Melnik, wir biegen wieder in den Moldaukanal ein, fahren in die schöne alte Schleuse von Hořín. Aus der größeren Kammer kommt uns tatsächlich ein Flusskreuzfahrtschiff entgegen. Es ist die „Elbe Princess“, eines der wenigen Kabinenschiffe, die mit der geringen Wassertiefe klarkommen, weil sie mit Schaufelrädern statt Propellern ausgestattet sind.

Um 17 Uhr sind wir wieder in Nelahozeves fest. Es ist noch Zeit für eine Schwimmrunde in der Moldau und einen gemütlichen Plausch mit der Hafenchefin, die selbst einen kurzen Törn elbabwärts mit ihrem Boot gemacht hat.

Zum Abendessen haben wir einen Tisch in dem etwas schickerem Restaurant unterhalb des Schlosses von Nelahozeves reserviert. Wir werden nicht enttäuscht, genießen mehrere Gänge, schönen Wein und die schattige Sommerterrasse. Tschechien haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes schmecken lassen.

Zehnter Törntag: von Roudnice nach Libechow, eine Schleusen, 19 Kilometer gefahren

Zehnter Törntag: von Libechow nach Nelahozeves, zwei Schleusen, 24 Kilometer gefahren

Text und Fotos: Dagmar Rockel-Kuhnle

Vielen Dank an Leoni Köpp, die das Instagram-Archiv des Törns zu Fluvius rüberkopiert hat!

Einfachfahrt in die Einsamkeit

Einfachfahrt in die Einsamkeit

Eine Überführungsfahrt mit Abstecher in die Templiner Gewässser und dem idealen Boot für zwei

„Also lautet ein Beschluss, dass man Zeit zu zweit verbringen muss!“ – Notfalls an der Schleusenwartestelle der neuen Schleuse Kannenburg

Rendezvouspläne am Küchentisch

Die Situation am winterlichen Küchentisch kennen viele berufstätige Paare: Jeder sitzt vor seinem Kalender und man bespricht die nächste Zukunft. Hier hab ich eine Fortbildung, da gehst du noch mal Ski fahren, da ist Filmkunstfest, hier Weltkanalkonferenz, da die Familienfeier, hier noch eine Messe. „Haben wir eigentlich irgendwann noch mal ein langes Wochenende zusammen zum Bootfahren?“
„Ähem. Also Ostern und das 1.-Mai-Wochenende schon mal nicht.“
„Was ist mit dem Himmelfahrtswochenende?“
„Passt!“
„Okay, dann lass uns wenigstens das blocken!“


Ich habe ein Rendezvous! Okay, nach 24,5 Ehejahren und mit dem eigenen Mann und vier Monate im Voraus geplant, aber deswegen muss es ja nicht weniger romantisch sein. Wo wir hinfahren? Das machen wir so wie immer: Mal gucken.
Mittwochnachmittag vor dem Vatertag soll es losgehen. Sonntag vorher komme ich von einer Geschäftsreise wieder, hupe einmal vor dem Büro um den bei offenem Fenster arbeitenden Gatten vom Schreibtisch nach Hause zu locken. Anderthalb Stunden später kommt er zu Hause an.
„Wir gehen ja am Mittwoch aufs Boot.“
„Öh, ja.“
„Haben wir schon ein Boot? Wo wollen wir den hin?“
„Öh, ja, mal sehen.“
Am Montagmittag erscheint der Gatte in meinem Büro und erkundigt sich, was ich davon hielte, einen Oneway nach Mildenberg zu machen. Es gebe allerdings keine schicke Kormoran, sondern eine kleine vetus 900. An der Müritz lägen sieben Stück davon, deswegen solle eine ab der neuen Basis Mildenberg zu chartern sein

Schnuckelige vetus 900

Die vetus 900 ist ein schnuckeliges Plastikboot mit einer Schlafkabine achtern. Das Doppelbett an der Backbordseite hat für Bootsverhältnisse fürstliche Ausmaße und außerdem gibt es eine Einzelkoje an Steuerbord. Im Salon steht zwischen anderthalb Sitzbänken ein großer Esstisch, es gibt Kühlschrank, eine etwas kurz geratene Küchenzeile und reichlich Stauraum für Boots- und Gemüsekiste im Regal. Das ideale Boot für zwei. Die „Picasso“ ist eine von den zwei Jüngsten vetus der Flotte. Anfang der 2000er waren uns zwei leere vetus-Rümpfe von irgendwoher zugelaufen, die auf der Kuhnle-Werft ausgebaut wurden. So sieht die „Picasso“ von innen mit weißen Flächen und dunklen Holzleisten, den blauen Polstern, den gewürfelten Gardinen und hölzernen Innentüren sehr nach Kormoran aus.
Ich schwelge in Erinnerungen an eine Überführung von der Müritz nach Zeuthen vor 25 Jahren. Damals waren wir – noch unverheiratet – mit nur einem Kleinkind (aber einem weiteren für die kommenden sechs Wochen terminiert) mit einer vetus 900 unterwegs gewesen.
„Na, klar, das wird schön!“ Optimismus war schon immer meine Stärke.

Hektik ohne Bier und Kaffee

Mittwochnachmittag: Nunja, die Schleuse Mirow schließt um 18 Uhr, das schaffen wir ohnehin nicht. So gegen halb sechs brechen wir im Büro auf, erst mal nach Hause Sachen packen, Bootskiste checken und so langsam mal auf der vetus ankommen.
Ich schnappe mir aus dem Hafenbüro schnell eine Runde Bettwäsche und Handtücher, werfe sie an Bord und flitze nach Hause. Im Gegensatz zu meinem früh aufstehenden Ehemann, habe ich noch nicht mal Klamotten zusammengepackt.
Die Bootskiste steht auf der Anrichte in der Küche. In diesem Jahr war sie bereits zwei Mal von den Kindern für Törns mitgenommen worden. Ich entferne zwei Flaschen Handseife (eine reicht) und vier Rollen Klopapier (hatte ich an Bord gesehen) und lege das gute Steiner-Fernglas dazu.
„Wo ist unser Reservekaffee?“ fragt der Gatte.
„Ähm, den hatte ich auf Geschäftsreise mit, den hole ich im Büro aus dem Auto.“
„Wo sind denn die ganzen Bierdosen aus dem Keller?“
„Ähm, die hatte ich auch auf Geschäftsreise mit.“ Ich lächele lieb, um zu vertuschen, dass ich die Dosenvorräte nicht wieder aufgefüllt habe.
Sein Blick ist eine Mischung aus Missbilligung wegen illegalem Angriff auf die Bierreserven und Freude über die sparsame Ehefrau, die lieber Getränke von Zuhause mitnimmt, als unterwegs teuer einzukehren.


Also los!
Zwei Reisetaschen, eine Kühltasche, ein Karton mit Wein, Sekt, die Bootskiste, eine weitere Kiste mit Bier, Wasser, Gemüse und Aufbackbrötchen (sind nur vier Stück deshalb greife ich in letzter Minute noch eine Brötchen-Backmischung aus der Speisekammer), sowie zwei Rucksäcke mit Laptops, Ladekabeln und mein großer Ordner für Kartenkorrekturen füllen den Kofferraum einigermaßen. Die Fahrräder sind schon im Hafen, müssen nur noch an Bord.

Wir werfen das ganze Zeug an Bord, ich fahre den Kombi weg. Während mein Mann unter Deck den Kühlschrank einräumt, stecke ich das Stromkabel aus und mache die Leinen los. Ich checke, ob die vetus vorne noch am Nachbarboot fest ist (ist sie nicht), dann schiebe ich den Gashebel nach vorne. Das Bugstrahlruder verweigert den Dienst. „Hmm, wohl nicht aktiviert“, denke ich, drücke ein bisschen am Fahrstand herum, nichts passiert. „Wir müssen nachher mal nach den Bugstrahler gucken“ rufe ich nach unten und fahre erst mal ohne aus dem Hafen.

Endlich unterwegs!

Später übergebe ich das Steuer zum Bettenbeziehen an den Gemahl. So machen wir es immer, einer räumt, der andere fährt und umgekehrt. Als soweit alles verstaut ist, genießen wir zusammen mit einem alkoholfreiem Bier die Fahrt in den sonnigen Abend. Endlich wieder unterwegs! Herrlich! Mein Mann ist in diesem Jahr zum ersten Mal auf dem Wasser, ich durfte an einem windigen März-Tag bereits einmal eine Gruppe Berichterstatter zur Bergung eines Flugzeugmotors chauffieren.

Endlich unterwegs! Auf der Kleinen Müritz verwöhnt uns die Abendsonne.

Tiefenentspannt kommen wir an der Sportbootwartestelle der Schleuse Mirow an. Mangels Bugstrahler legen wir eher unelegant an – egal, wir haben Hunger und das Essen ist fast zeitgleich fertig.
Bei der Fehlersuche nach dem Essen stellen wir fest, dass auch das Radio nicht geht. Da ich morgens keinerlei Geräusche vertrage, finde ich das lässlich, schade ist aber, dass ich nichts zum Laden an die USB-Steckdose anschließen kann.

Vor uns liegen die vier meist befahrenen Schleusen zwischen der Müritz und Berlin und wir haben gute Chancen, morgen früh schnell durchzurutschen und mit etwas Glück ohne Wartezeit auch die nächste Schleuse zu schaffen. Deswegen verzichten wir darauf, den Kuhnle-Tours-Notdienst anzurufen, wir wollen erst mal Strecke machen, damit wir Donnerstagabend in Fürstenberg sind, denn da können wir am Freitag noch einmal einkaufen gehen. Müssen wir auch, denn neben Brötchen und den scharfen Messern fehlt auch das Spüli aus der Bootskiste. Kann man auch mit Handseife abwaschen?

Brötchenduft in der Schleusenkammer

Ich wache am Himmelfahrtstag um acht auf und schleiche mich in den Salon, heize den Backofen vor und rühre die Brötchen-Backmischung an. Große Vatertagsaktion gibt es bei uns traditionell nicht, aber ein ordentliches Frühstück möcht schon sein. Im Bordbackofen dauern die Brötchen länger als auf der Packung angegeben, so dass wir, als die Schleuse pünktlich um neun Doppelgrün zeigt, ungefrühstückt in die Kammer fahren. Je tiefer wir mit der Müritz-Havel-Wasserstraße sinken, um so mehr steigt mir der Brötchenduft aus dem Backofen in die Nase. Hmjam.

Vatertag mit frisch gebackenen Brötchen aus dem Bordofen.

In der Schleuse stellen wir fest, dass wir unsere bewährte Schleusentechnik ändern müssen. Eigentlich stehe ich meist achtern mit der Leine in der Hand, um das Boot hinten zu sichern. Das hat den Grund, dass mein Mann ja den Bug, sollte ein Windstoß ihn zur Seite pusten, immer mit dem Bugstrahlruder zurück auf Linie bringen kann. „Es ist besser, wenn du vorne stehst“, weist der Gatte mich jedoch heute an, dann könne er das Heck mit eingeschlagenem Ruder und einen kurzen Stoß voraus an die Kaimauer ziehen.
Schon in der nächsten Schleuse bringt uns diese Veränderung nach 26 gemeinsamen Jahren auf dem Wasser einen ebenso giftigen wie kräftigen Anranzer eines vor uns fahrenden jungen Sachsen ein. Wir sollten doch bitte unseren „Scheiß-Kahn“ (seine Worte, dabei ist unsere vetus ein feines Bötchen) auf Abstand halten, werde ich unvermittelt angebrüllt. Wir waren tatsächlich ein bisschen dicht an dem schicken Gleitboot amerikanischer Herkunft dran – jedoch weit von einer Berührung entfernt – und ich hatte bereits leise nach achtern meinen Mann gebeten, einen Poller weiter hinten zu nehmen. Naja, wir wollen nicht nachtragend sein, die Sonne schien bereits warm vom Himmel und in dem pechschwarzen Jogginganzug im Partnerlook hätten wir uns auch unwohl gefühlt.

In einem Rutsch nach Fürstenberg

Wir können unser Glück nicht fassen, so schnell kommen wir durch die Schleusen Diemitz, Canow und Strasen durch. Für Himmelfahrt ist wirklich erstaunlich wenig los. Deshalb beschließen wir, bis Fürstenberg durchzufahren, bevor wir irgendwo auf den Notdienst warten und dann nachher doch beim Schleusen Schlange stehen müssen.
Es ist nicht mal 16 Uhr, da legen wir am Fürstenberger Yachtclub an, melden uns beim Hafenmeister und klauben Ein-Euro-Stücke zusammen, die wir für die Stromversorgung und am nächsten Morgen für die Dusche an Land benötigen. Das Duschen ist hier übrigens echt fair geregelt: Man zahlt einen Euro für ein paar Minuten Warmwasser. Unterbricht man den Wasserstrahl aus der Dusche, stoppt auch der Zähler, so dass man nach einem Euro auch sauber und ohne Schaumreste fertig ist.

1-Euro-Münzen für Strom und faire Duschen: Unsere vetus 900 „Picasso“ am Steg des Fürstenberger Yachtclubs.

Mit Buch und einem Glas Sekt mache ich es mir auf dem Achterdeck gemütlich. Silvio Kraballe ist wahrscheinlich der meistgelobteste Kuhnle-Tours-Mitarbeiter. In der Saison ist er der Gelbe Engel von Kuhnle-Tours. Wo auch immer ein Boot ein Problem hat, versucht er zunächst am Telefon zu helfen – oft sind es nur Kleinigkeiten oder Bedienungsfehler. Er hat die Gabe, sich ebenso ruhig wie präzise ausdrücken zu können, so dass viele Chartercrews nach seiner Anweisung von selbst wieder flott werden. Und wenn nicht, kommt er mit seiner fahrenden Werkstatt dahin, wo das Boot ist. Notfalls pumpt er ein kleines Schlauchboot auf und paddelt zum Boot.
Gegen 17 Uhr taucht er mit seinem Werkzeug in einem kleinen Wägelchen am Steg auf, schwingt sich an Bord und steigt in die Tiefen des Motorraums herab. Die Kontakte der Elektrik zum Motor, so erklärt er uns später, korrodieren mit der Zeit. Zuerst gibt es Wackelkontakte, dann geht irgendwann nichts mehr. Nach einer halben Stunde sind die Kontakte wieder blank und reden miteinander, das Bugstrahlruder geht wieder, leider auch das Radio.
Zum Abendessen spazieren wir 500 Meter in den Templiner Hof. Ein Gasthaus, dass direkt an der B 96 liegt, aber einen schönen ruhigen Biergarten hat und einen Koch, der gerne frische Zutaten verarbeitet. Es ist Mai, also bestellen wir von der Spargelkarte und bereuen es nicht.

Genießen in Fürstenberg: Aperol Spritz und Hähnchencurry mit Spargel im Templiner Hof.

Einkaufstour mit Draht- und Packesel

Am Freitag beschießen wir, das der naheliegende Netto-Markt mit Bäcker und Fleischer so dicht ist, dass es sich nicht lohnt, beide Fahrräder an Land zu hieven. Wir könnten ja unsere Einkäufe in einer Tüte verstauen und an den Lenker des leichteren Fahrrads hängen. Nachdem mein Mann mir versichert, dass ich nicht neben ihm herjoggen müsste, verzichte ich auf mein Fahrrad, genauso wie auf den dort angebrachten Fahrradkorb und den Gepäckträger. Seufz.
Es kommt wie es kommen musste: Die prall gefüllte Einkaufstasche scheuert am Vorderrad, ich balanciere ein Sixpack Bier unter dem einen Arm und einen neuen Fahrradsattel (gabs gerade beim Discounter) unter dem anderen und wache dabei mit Argusaugen über ein Schälchen Erdbeeren für den Nachtisch, das ganz oben in der Einkaufstasche liegt.

Jetzt wird es enger: Obertor der Schleuse Bredereiche an der Oberen Havel-Wasserstraße

Bis zur nächsten Schleuse haben wir ein Stück Havel vor uns und den schönen Stolpsee zu überqueren. Dann wird es enger und in schneller Reihe passieren wir die Schleusen Bredereiche, Regow, Zaaren und Schorfheide. Wir folgen der Havel durch dichte Wälder, manchmal auch an weiten Feldern entlang. Der Fluss krümmt sich mal hierhin mal dahin, von Entgegenkommern sieht man erst nur das Verdeck über das Schilf herausragen. Den Autopilot einstellen und die Hände vom Steuer nehmen wie auf dem Mittellandkanal, das läuft hier nicht. Was für ein Gekurbel!

Was für ein Gekurbel! An der OHW ist Kurvenfahrt angesagt.

Kurbelfahrt ins neue Revier

Gleich unterhalb der Schleuse Schorfheide geht es links ab in die Templiner Gewässer. Sieben Jahre war nach einem kurzen Stück Kanal und dem Großen Kuhwallsee die Fahrt zu Ende, denn die Schleuse Kannenburg in der Verbindung zwischen Kuhwallsee und Lankensee war zuerst wegen Baufälligkeit gesperrt, dann wegen Bauarbeiten. Die gingen im Herbst 2023 zu Ende und die Schleuse ging für ein paar Wochen in Probebetrieb. Ende April 2024 erfolgte die offzielle Wiedereröffnung des schicken Neubaus mit Staatssekretärin und großem Bahnhof.

Die neue Schleuse Kannenburg empfängt uns mit grünen Lichtern …
… und einer eigenwilligen Interpretation des Baujahrs. Erste Inbetriebnahme der Schleuse war im Herbst 2023.


Als wir uns der Schleuse nähern, sehen wir gleich rechts am Untertor die in Beton gegossene Jahreszahl 2022. Tja. Mag sein, dass dieses Betonteil 2022 gegossen worden ist. Die Schleuse war definitiv später fertig. Still und umkompliziert lässt sich das gute Stück trotzdem bedienen. Ein großes Display informiert über den Fortgang der Schleusung.

Templin: Für Bootfahrer geschlossen?

Für heute ist der Stadthafen von Templin unser Ziel. Der hatte in der Sperrzeit einen Betreiberwechsel und wurde fast komplett erneuert. Wir freuen uns nach der schicken neuen Schleuse auf einen schicken neuen Hafen und einen abendlichen Bummel durch die schöne Altstadt von Templin. Doch als wir unter der überdachten Pionierbrücke (es ist keine Pionierbrücke, die heißt nur so) hervorkommen und den Bug nach Steuerbord richten, sehen unsere Augen eine schöne neue Steganlage – aber mit Flatterband abgesperrt. Ganz zum Land hin liegt ein Boot quer in der Box, dahinter sehen wir ein Grüppchen nett beisammen sitzen. Wir nähern uns langsam.
„Können wir hier anlegen?“
„Nee.“
„Wo können wir denn anlegen?“
„Gar nicht.“

Anlegen ist nicht. Stadthafen Templin.

Hmpf. „Hausbootferien abseits vom Trubel“ – unter diesem Motto haben wir auf der boot in Düsseldorf, im Katalog, in Pressemitteilungen, auf Facebook und Instagram für die Templiner Gewässer die Werbetrommel gerührt. Soo abseits sollte es denn auch wieder nicht sein.
Wir gehen an den Fahrgastanleger nebenan. Der hat zwar ein hohes Geländer und keinen Stromanschluss, aber irgendwie werden wir das Boot da schon festgebunden kriegen. An dem Geländer prangt ein Schild: „Anlegen nur nach Rücksprache mit dampfer-templin.de.“
Ein paar Meter weiter liegt ein zur Ferienwohnung umgebautes Fahrgastschiff mit Gästen vorne drauf.
„Können wir hier anlegen?“
Eine freundliche Gästin steht auf und nimmt unsere Festmacherleinen an.
„Joar, wer soll schon wat dagegen ham?“
„Ich hab die Handynummer auf der Webseite gefunden“, melde ich meinem Gatten. „Soll ich da anrufen und das klar machen?“
„Nee, lass mal lieber. Nachher schickt der uns weg.“
Wir machen uns landfein, klettern über das Geländer und schlendern an der Stadtmauer entlang zu einem netten italienischem Restaurant.
Am nächsten Morgen werden wir vom glücklicherweise nur ganz leicht angefressenem Fahrgastschiffer vor dem ersten Frühstückskaffee auf das Schild aufmerksam gemacht. Wir besänftigen ihn mit der Frage, was er uns denn nun für das Anlegen berechnen müsse, worauf er ohne mit der Wimper zu zucken (und ohne eine Quittung anzubieten) „40 Euro“ sagt.
Gleich nach dem Frühstück legen wir ab.

Fahrgastanleger Templin: Kletterpartie zum Italiener

Zwischen Seerosen und zauberhaften Seen

Vom Templiner See aus sind noch vier weitere Seen zu erreichen – einer schöner als der andere. Open Sea Map zeigt sogar noch nette kleine Kanälchen an, die zu weiteren Seen führen, einer führt im Norden des Gleuensee nach Osten und entpuppt sich als eine schmale Rinne, komplett mit Seerosen und Schilf zugewachsen. Gleich daneben ist eine Anlegestelle, die aussieht wie eine ehemalige Verladestelle. Keinerlei Verbotsschilder sind zu sehen, ein Anleger für Abenteuerlustige also. Ein paar Meter weiter westlich ist eine Badestelle, der westlichste Zipfel des Sees ist für motorisierte Fahrzeuge gesperrt.

Nordende Gleuensee. Ehemalige Verladestelle?
Zwischen Bruchsee und Gleuensee: Das ist die breite, hohe Brücke!
Durchfahrtshöhe 3,71 Meter: Brücke zwischen Bruchsee und Fährsee

Anleger für Abenteuerlustige

Wir drehen um und erreichen über den Bruchsee und unter einer ebenso niedrigen (3,71 m) wie engen Brücke hindurch den Fährsee. Neben einer Wasserskistrecke gibt es hier eine weitere Anlegemöglichkeit: das Hotel Fährkrug. Das Hotel selbst ist ein Neubau aus den 90er Jahren, das in beeindruckend schöner Lage am See mit eigenem Badestrand liegt. Es gibt zwei Stege, an einem liegt ein Charterboot, den anderen nehmen wir. In der Mitte des Kopfstegs der ansonsten leeren Anlage sehe ich eine Edelstahlklampe blitzen. Nicht eben ein solider Poller, aber in dieser Ecke weht kein Lüftchen, also springe ich auf den Steg und schlinge die Vorleine um die Klampe. Und habe ein Brett des hölzernen Stegs in der Hand. Upsi!
Das Brett löst sich komplett. So schlinge ich den Festmachter um den darunter liegenden soliden Stahlträger, hinten hat mein Mann einen Dalben eingefangen. Wir kämmen uns die Haare, ziehen ordentliche Schuhe an und gehen durch den Garten auf das Hotel zu.

Anlegesteg für Abenteuerlustige des Hotels Fährkrug am Fährsee.
Fast leere Steganlage des Fährkrugs.


Wenn man die Anlage mit Wohlwollen betrachtet, fällt der Pflegezustand der Außenanlagen unter „naturnaher shabby-chic.“ Auf der Terrasse stehen jedoch einladende und saubere Gartenmöbel, ein Tisch ist besetzt. Wir setzen uns in die Sonne, werden schnell und freundlich in Empfang genommen und mit einer Kleinigkeit zu Essen und zu Trinken versorgt. Die Soljanka ist reichhaltig mit Einlagen versehen, der Salat knackig, frisch und lecker und das Bier ist kalt und spritzig. Auch das, was beim Nachbartisch auf den Tellern ankommt, sieht gut aus. Nach dem Imbiss gehen wir noch mal nach Innen. Hier ist alles sauber und ordentlich, könnte aber auch mal einen Hausmeister gebrauchen, der Kleinigkeiten repariert. Seitdem ich den Törnplaner mache, kenne ich das Hotel, das immer wieder freundlich aber bestimmt abgewunken hat, nein danke, man möchte nicht im Törnplaner erscheinen. Schade.
An der Wasserskistrecke entlang tuckern wir auf der Suche nach einem weiteren Kanal, den ich als gesperrtes Gewässer eigetragen habe. Und richtig: Eine rot-weiß-rote Tonne (oder war es eine Schild?) versperrt die Einfahrt. Wir richten den Bug nach Süden um uns einen gemütlichen Ankerplatz für die Nacht im Zaarsee zu suchen.
Bei dem gemütlichen Getucker habe ich genug Zeit, den neuen Sattel an meinem alten Fahrrad anzubauen und wieder abzubauen und mit einem Ersatzteil vom alten Sattel wieder anzubauen, damit die Neigung des Sattels zu meinem Körper passt. Glücklicherweise hatte ich Fahrradwerkszeug eingesteckt, weil ich auch bei dem alten Sattel die Neigung verändern wollte.

Zwitschern, tschilpen und Kaltwasser-prusten

Im letzten Winkel des Sees außerhalb von Schilfgürtel und Seerosen lassen wir den Anker fallen und stellen den Motor aus. Stille? Von wegen! Hier zwitschert es, da tschilpt was, es kräht, krächzt, piept, schnattert und raschelt. Kurz: Die Natur haut alles an Geräuschen heraus, was geht. Andere Menschen oder gar Boote sehen wir nicht. Nach dem Essen wird es langsam schummrig, ich zünde eine mitgebrachte Kerze an. Noch romantischer kann es jetzt nicht werden.

Der Sonntagmorgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Nach dem ersten Frühstückskaffee im Bett (es ist Muttertag!) nehme ich allen Mut zusammen und ein Handtuch und klettere die Badeleiter herunter in den Zaarsee. In der ersten Minute japse, pruste und ächze ich in dem doch überraschend kaltem Wasser, dass die Vögel um uns herum verstört verstummen. ,Naja, eine Runde ums Boot wirst du schon überleben,‘ denke ich. Nach der zweiten Runde: ,joar, fünf Minuten hältst du wohl aus.’ Am Ende schwimme ich laut meiner Taucheruhr von Garmin über 800 Meter in einer guten halben Stunde.

Wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat, ist das Wasser herrlich. Ich schätze den See auf um die 15 Grad, leider misst meine Uhr die Wassertemperatur nur bei Tauchgängen, ich müsste also vom Boot aus ins Wasser springen und ein paar Meter runter kommen. Das ist mir denn doch zu frisch. Und der Templiner Pegel hat leider keinen Temperaturanzeiger.


Um die Mittagszeit holen wir den Anker hoch und trödeln im strahlenden Sonnenschein durch die beiden Schleusen Templin und Kannenburg die Obere Havel-Wasserstraße zu Tal in Richtung Mildenberg. Auch hier krümmt sich der Fluss mal rechts, mal linksrum gen Süden. Abwechselnd steuern wir und wurschteln unter Deck unser Zeug zusammen, waschen ab, räumen die Schränke wieder ordentlich ein, ziehen die Betten ab, rollen die im ganzen Boot verteilten Ladekabel auf, sortieren den Müll, damit wir bei der Ankunft im neuen Hafen im Ziegeleipark nur noch umladen müssen und unser Transferfahrer nicht warten muss.
Still erreichen wir einen Liegeplatz, stecken den Strom ein, rollen die Festmacher zu Schnecken auf und heben unser Zeug über die Reling. Nach einer guten Stunde Fahrt kommen wir zu Hause an der Müritz an, trinken noch ein kleines Sonnenuntergangs-Bierlein. Für den Sonntagskrimi sind wir jetzt echt zu müde.