Freischimmer

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„Rückwärts geht es immer gerade, daher ist es besser, du lässt das Ruder so, dass beim Vorwärtsfahren alles schon in die richtige Richtung geht. Zurück, Leerlauf, warten, nach vorne korrigieren und so kommst du rein“.

Konzentriert, mit hochrotem Kopf, die nackte Angst in den Augen, so versuche ich gerade den Kormoran zu bändigen. Ich, das ist Nik Linder, Apnoetaucher und eigentlich bekannt dafür, einen langen Atem zu haben und auch in herausfordernden Situationen entspannt zu bleiben – was mich bereits in den ersten Minuten meiner Tour auf der Müritz ans Limit bringt.

Die Kormoran 1290 namens „Strelitzie“ ist ein Hausboot der Firma Kuhnle-Tours mit Platz für 6-9 Personen und mit ziemlichen Ausmaßen. Ralf, Mitarbeiter der Firma, weist mich im Umgang mit dem Schiff ein. Führerscheinfrei darf man auf der Müritz und den anderen Seen umher fahren, ankern, Schleusen benutzen, ablegen und – was ich gerade versuche –  anlegen. Wenig später sind die Schweißperlen verschwunden und die Kormoran liegt mustergültig vertäut im Hafendort Müritz in Rechlin. Nach der praktischen Fahrstunde und einer theoretischen Einweisung in Schilder, Bojen und Vorfahrtsregeln darf ich nun eigenverantwortlich die Müritz entdecken.

Als Ralf mir zum Abschied viel Spaß wünscht, genieße ich noch eine Stunde der Ruhe, bis der Rest der Mannschaft kommt. Es sind vor allem Sportfreunde aus dem Apnoetauchen und dem Seatrekking. Apnoetauchen bedeutet, mit einem Atemzug zu tauchen. Entspannung, Ruhe, Meditation und Atemtechniken spielen dabei wichtige Rollen. Wer besser atmet, kann länger tauchen, wer sich besser auf sich konzentrieren kann, kann länger tauchen, wer entspannt bleibt und somit einen niedrigen Puls hat, der kann diese Fähigkeit wunderbar in den Alltag integrieren um auch dort ausgeglichener zu sein.

In den letzten Jahren war ich sehr viel als Reiseleiter auf Tauchschiffen unterwegs, vor allem an exotischen Plätzen wie der Südsee, den Bahamas, dem roten Meer und vielen weiteren wunderschönen Orten, an denen man die Natur und vor allem die Tierwelt, hauptsächlich unter Wasser genießen kann. Als Apnoetaucher kommt man den großen Tieren der Ozeane nahe. Da nicht geatmet wird, stören die Ausatemgeräusche wie beim Gerätetauchen die geräuschempfindlichen Tiere nicht. So kann man sich als Apnoe- oder Freediver Walen, Haien und Mantas sehr viel leichter nähern. Okay, so exotische Tiere haben Müritz & Co nicht im Angebot, aber in den letzten Jahren habe ich auch immer wieder erkannt, dass alle diese Reisen einen hohen Preis haben, den ich nicht mehr zahlen möchte. Fernreisen sind für mich vor allem anstrengend geworden. Der Flugstress, die hohen Erwartungen der Teilnehmer an die „Once-in-a-lifetime- Reisen“ und nicht zuletzt die Trennung von der Familie, wenn ich für ein Ziel wie Polynesien wieder mehrere Wochen unterwegs sein muss, weil sich Reisen zu derart fernen Destinationen sonst nicht lohnen. Nachdem ich während der Coronazeit nicht reisen durfte, habe ich einerseits gemerkt wie schön die Natur in unserer Umgebung rund um Freiburg ist und andererseits festgestellt, dass die Menschen, die bei mir zuhause leben, eigentlich ganz nett sind. Ich wollte daher mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, aber trotzdem coole Sachen machen.

So bin ich bei einem meiner Ausflüge während der Corona Pandemie mit meinem Auto einen Teil des Bodensees entlang gefahren. Ich wusste, dass es viele Menschen gibt, die den Bodensee schon einmal durchschwommen haben, nicht nur in der Breite, sondern auch in der Länge. Aber hatte schon jemand den Bodensee schwimmend umrundet? Der Bodensee hat einen Umfang von 273 Kilometern – sicherlich würde man nicht jeden Zentimeter umschwimmen müssen, aber knappe 200 Kilometer würden es schon sein. Und so kam es, dass ich 2022 in 20 Tagen den Bodensee umrundete – fast komplett alleine und ohne Support als erster Mensch überhaupt. Möglich war das nur, weil ich das Ganze als Seatrekking Projekt durchgeführt hatte.

Beim Seatrekking wandert man auch an Land, hauptsächlich aber im Wasser. So entdeckt man die Küstenlinie schwimmend, schnorchelnd und freitauchend. Die Wanderung führte mich bis dahin meistens an Küstenlinien am Meer entlang, so dass sich die Eindrücke über Wasser unter Wasser fortsetzten und das Ganze zu einem 360-Grad-Erlebnis machten. Solche Abenteuer müssten doch auch in meiner Heimat möglich sein! So einfach war das am Bodensee dann doch nicht. Durch die Begleitung des Fernsehsenders SWR wurde das Projekt bekannt und so machte sich recht schnell Widerstand am Bodensee breit: Ich würde verborgene Pfahlbauten zerstören, die Vögel der Schutzgebiete erschrecken und vieles mehr. Aussagen, die mich erstaunten, als ich im September 2022 tatsächlich dort unterwegs war und mir zwischen vielen Booten, Wassersportlern, Anglern und vielem mehr meinen Weg bahnte. Bei all den Menschen, sollte ausgerechnet ich das Problem sein? Ich, der im Einklang mit der Natur durch den See schnorchelte? Dabei gehört „Leave no trace“ zwingend zur Philosophie des Seatrekkings – keine Spuren hinterlassen und die Natur nicht stören. Es freute mich schon am ersten Tag hier an der Müritz das Gefühl zu haben willkommen zu sein. Hatte ich am Bodensee den Eindruck, dass alles, was ich tue eher stört, schien hier erstmal alles kein Problem zu sein.

Nach und nach trudeln alle Teilnehmer unserer Tour ein, die Leinen werden gelöst und die Reise geht los. Die erste kurze Etappe soll uns an die kleine Müritz bringen, wo wir am selben Abend noch ankern und den Tag beschließen möchten. Es ist Mitte Mai und im See nicht viel los. Wir haben einen einsamen Ankerplatz gefunden und heizen den Grill auf. Darauf finden sowohl Steaks, Würstchen sowie Grillkäse für die Veggie-Fraktion Platz. Satt und entspannt genießen wir die letzten wärmenden Sonnenstrahlen an Deck und beobachten Adler, die immer wieder ins Wasser hinein stoßen um Fische zu greifen. Morgen werden wir das Naturerlebnis um eine Perspektive erweitern, in dem wir schnorchelnd und freitauchend die Natur entdecken.

Selten so gut geschlafen. Die Kojen bieten ausreichend Platz und sanft schaukelnd und voller Eindrücke des ersten Tages bin ich gestern eingenickt. Gottseidank schnarcht Thomas, mein Zimmerpartner, nicht. Wie auch zuhause bin ich früh wach und mache erstmal Kaffee. Die Sonne geht auf und mit ihr höre ich den Kuckuck rufen. Ich bin zwar ein Morgenmensch und sobald die Augen offen sind, sofort wach und gut drauf. Doch wenn man häufig als Reiseleiter mit Gruppen unterwegs ist, nutzt man jede Minute die man haben kann für sich und gerade die frühen Minuten am Morgen sind besonders schön. Ein neuer Tag beginnt, was wird er wohl bringen?

Nach dem Frühstück bereiten wir unsere Seatrekking Taschen vor. Eigentlich passt dort alles rein, was man zum Überleben braucht. Meistens ist man drei, bis vier Tage unterwegs und die Tasche enthält Kochzeug, Nahrung, Wasser, Kleidung, Isomatte und Schlafsack. Ein Zelt findet sich aus mehreren Gründen nicht darin. Einerseits fehlt der Platz, auf der anderen Seite ist wildes kampieren in Deutschland und in vielen anderen Ländern nicht erlaubt, biwakieren hingegen meistens geduldet. Gegen Regen hilft ein „Tarp“ – eine Plane, die man abspannen kann, hauptsächlich schützt aber der wasserdichte Biwak-Überzieher vor Feuchtigkeit. In den letzten Jahren habe ich immer wieder gemerkt, dass dieses vollständige Outdoorerlebnis wenige Anhänger hat. Ein Tag in der Natur ist ja ganz schön, aber die Nacht umringt von Krabbeltieren und vielleicht sogar im Regen, das ganze ohne Dusche und Toilette? Nicht jedermanns und jeder Frau Sache. Die Kombination aus Naturerlebnis beim Schwimmen und Schnorcheln, sich abends aber in ein warmes Bett zurück zu ziehen, scheint perfekt zu sein.

In unsere Taschen muss heute nicht so viel rein. Kleidung für eine Erkundung an Land, Proviant und etwas zu trinken. Die Tasche wird mithilfe einer flexiblen Leash hinterhergezogen. Heute sind die Taschen leicht und die Strecke mit wenigen Kilometern recht kurz. Aber auch wenn es Strecken von acht bis zehn Kilometer sind, spürt man das Gewicht der Tasche beim Schwimmen kaum, selbst wenn sie voll bepackt sind. Wir ankern unsere „Strelitzie“ und gleiten einer nach dem anderen ins Wasser. Heute wollen wir durch einen engeren Kanal zu einem See schwimmen. Der Kanal ist zu eng und für unser Hausboot ist die Durchfahrt verboten. Das Wasser ist mit 15 Grad zwar kühl, aber unsere 5-mm-Neopren-Anzüge schützen uns perfekt. Leider ist die Sicht weniger gut und aus der Erkundung unter Wasser wird nicht viel. Das Schwimmen oder Schwimmwandern macht trotzdem Spaß und sorgt sofort für eine ausgeglichene Ruhe im Kopf. Es tut gut, sich im Wasser zu bewegen und umgeben von Schilf und Wasservögeln aller Art eine neue Umgebung kennen zu lernen.

An einem Bootshaus nutzen wir den Steg, um das Wasser zu verlassen und die Umgebung zu erkunden. Die Faszination Seatrekking macht auch aus, dass man in Gegenden kommt, wo man nur schwer mit dem Boot oder zu Fuß hinkommen kann. Wir entdecken Kraniche und sogar Emus – eines ist klar, was Vögel angeht muss sich die Müritz nicht vor exotischen Reisezielen verstecken, ein Ornithologe bekommt hier wahrscheinlich feuchte Augen. Bald brechen wir wieder auf und schwimmen zum Boot zurück.

Die kommenden Tage verbringen wir mit Schwimmen, wandern, Vögel beobachten und genießen das Umherfahren mit der „Strelitzie“. Es fehlt uns nichts: Haben wir Lust das Boot zu verlassen, legen wir an und machen einen Spaziergang oder gehen in einem der Cafés am Hafen einen Kuchen essen. Mit jeder Minute am Steuer bekomme ich mehr Routine im Umgang mit dem Hausboot.

Die Ruhe und entspannte Stimmung hat sich auf uns alle übertragen. Wir schwimmen an Land, um dort in der Natur Atem- und Entspannungsübungen zu machen. Doch irgendwann muss ich die „Strelitzie“ wieder in den Heimathafen in Rechlin schippern und den Gashebel endgültig auf „Neutral“ stellen. Bis alles im Auto verpackt und wir uns alle verabschiedet haben dauert es noch einen Moment. Dann geht es mit dem Auto wieder Richtung Heimat. Die weite Strecke ins badische Freiburg läuft eigentlich gut, kaum Stau und ich komme ganz gut voran. Aber eben nur „eigentlich“, könnte man die Strecke nicht auch entspannt auf … zum Beispiel einem Hausboot und entlang von Flüssen zurücklegen?

Über den Autor :

Nikolay „Nik“ Linder ist Apnoetaucher, Atemtrainer, Autor und begeisterter Schwimmer und Seatrekker. Als erster Mensch überhaupt hat er den Bodensee schwimmend und ohne Support umrundet. In seiner aktiven Apnoekarriere hat er mehrere Weltrekorde, darunter Rekorde im Streckentauchen unter Eis gebrochen. Die von ihm entwickelte Entspannungsmethode „Relaqua“ kombiniert Techniken aus dem Apnoetauchen, der Achtsamkeitsmeditation und den Atemtechniken aus dem Yoga. Kommendes Jahr wird er wieder mit einer Gruppe in der Müritz unterwegs sein und Schnorcheln, Freediving, Wandern, Seatrekken und Yoga machen.

Seatrekking - schwimmen im Wasser mit Rucksack

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Hausbootferien auf Rädern

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Erfahrungen eines Booteinweisers

Was macht ein barrierefreies Boot aus?

Seit es die sogenannten Pontonboote auf dem Binnenchartermarkt gibt, ist Hausboot fahren auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkung attraktiv im Sinne von „machbar“ geworden. Alle Bereiche, mit Ausnahme des nur über eine Leiter oder Treppe zugänglichen Kajütdachs, befinden sich auf einer Ebene und mindestens eine Kabine verfügt über ausreichend breite Türen für den Rollstuhl. Die Nasszelle verfügt über die obligatorische Ausstattung wie Haltegriffe, eine mit dem Boden bündige, befahrbare Duschwanne und einen Klappsitz fürs Duschen. Weiterhin gibt es in der Küche einen unterfahrbaren Bereich damit Spüle und Küchengeräte ohne fremde Hilfe genutzt werden können.

Was ist an Deck anders?

Der barrierefreie Zugang vom Steg führt zunächst aufs Vordeck. Eventuelle Höhenunterschiede werden mit einer stabilen Klapprampe überbrückt, wie man sie von öffentlichen Verkehrsmitteln kennt. Das Vordeck dient als Freifläche und Badeplattform. Es beherbergt den Fahrstand, die vorderen Belegklampen für die Leinen und den Hauptanker. Das auf Booten Reling genannte Schutzgeländer ist je nach Bauart und Optik in Metall oder Holz gehalten. Vorn und an den Seiten befinden sich Öffnungen, die mit Leinen oder Ketten gesichert sind. Die Relingöffnungen dienen dem Betreten und Verlassen des Bootes im Hafen und dem besseren Handling bei Leinenmanövern. Üblicherweise liegen die Boote bei Übergabe mit dem Bug am Steg, weil hier die Relingöffnung breit genug für den Rollstuhl ist. Dementsprechend sollte man unterwegs auch mit dem Bug am Gaststeg festmachen, um bequem an Land zu kommen. Aber auch die seitlichen Öffnungen in der Reling sind breit genug für den Rollstuhle. Vor Anker liegend lässt sich am Bug die Badeleiter ausklappen.

Auch der Fahrstand auf dem Vorschiff ist so gestaltet, dass Rollstuhlfahrer das Boot in bequemer Sitzhaltung steuern können. Das Steuerrad ist ausreichend hoch und die Säule mit dem Steuerrad, dem Schalthebel und den Schaltern für Signalhorn, Lichter und so weiter vom Rollstuhl aus erreichbar. Für den Blick nach achtern sind an beiden Fahrstandüberdachungen Rückspiegel wie bei Bussen oder LKW angebracht. Alternativ oder zusätzlich sind auf bestimmten Booten auch Kameras am Heck verbaut, die über einen Monitor am Fahrstand überwacht werden.

Das leichte Handling schwerer Ausrüstung

Ein weiteres Kriterium nicht nur auf einem barrierefreien Charterboot ist der Anker. Der Hauptanker befindet sich üblicherweise im Bereich des Vordecks in der Nähe des Fahrstands. Je nach Bootsgröße kann der Anker in eine Gewichtskategorie fallen, an der sich vor allem reine Damencrews mitunter schwertun, diesen über Bord zu werfen und wieder hochzuholen. Um sicher zu sein, die richtige Wahl zu treffen, sollte am besten schon bei der Buchung gefragt werden, ob das Boot auch über eine Ankerwinde verfügt, und ob diese manuell oder elektrisch bewegt wird. Der Heckanker ist üblicherweise auf der meist deutlich kleineren Plattform in der Nähe des Außenbordmotors zu finden und für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich.

Soweit die grundlegenden Gegebenheiten auf rollstuhlgeeigneten Hausbooten.

Erfahrungen mit unterschiedlichen Behinderungen

Als Booteinweiser sind mir Gäste mit unterschiedlichsten Einschränkungen begegnet. Unter den Gästen im Seniorenalter ist die Ursache für die körperliche Einschränkung im Idealfall nur dem Alter geschuldet. Diese Gäste haben in jungen Jahren häufig selbst ein Boot gefahren und sind mit den Gegebenheiten an Bord vertraut. Häufig kommen Oma und Opa noch mit eigener Kraft aus dem Rollstuhl heraus, können einige Schritte gehen und den Sitzplatz wechseln. Sie besitzen genügend Lebenserfahrung, um selbst einzuschätzen, wo sie sich trotz ihrer Einschränkungen an Bord nützlich machen können und wann es ratsam ist, sich zurückzuziehen und den Jüngeren das Ruder zu überlassen.

Etwas komplizierter wird es, wenn jemand ohne Bootserfahrung in seinen Bewegungen eingeschränkt ist, zu Beispiel durch einen Schlaganfall, einen Unfall oder eine Amputation. Überlegen Sie, was Sie zu Hause können und nehem Sie sich nicht zuviel vor. Können Sie beherzt und schnell zugreifen? Prima. Falls nicht: Besprechen Sie mit der Crew, wie zum Beispiel bei Anlegen und in der Schleuse die Aufgaben sinnvoll verteilt sind. Das kann bedeutet, dass der oder die Rollstuhlfahrer(in) im Bootsinneren den Blick auf das Geschehen aus sicherer Distanz genießt oder der oder die Rollstuhlfahrer(in) übernimmt als in die Charterbescheinigung eingetragener Schiffsführer den Job am Fahrstand und überlässt das Handling der Leinen den anderen Crewmitgliedern.

Fehlt es allein an der körperlichen Kraft in den Gliedmaßen, um insbesondere das Steuerrad und den Gashebel sicher zu bedienen, und kommt dann noch eine ausgeprägte Pflegebedürftigkeit hinzu, sollte ein Plan B ins Auge gefasst werden. Wird der Gast von Pflegepersonal begleitet, sollte eine der Begleitpersonen als verantwortlicher Schiffsführer zur Verfügung stehen und entsprechend eingewiesen werden. Diese Rollenverteilung sollte idealerweise bereits vor der Reisebuchung geklärt worden sein, damit die pflegende Begleitperson nicht erst an Bord mit der neuen Aufgabe überrumpelt wird. Die pflegebedürftigen und die pflegenden Personen sind in der Regel eingespielte Teams mit einem ausgeprägten Vertrauensverhältnis, sodass am Ende das gemeinsame Bordleben auch in der neuen Umgebung eines Hausbootes eine runde Sache wird.

Eine besondere Erfahrung für einen Booteinweiser ist die Begegnung mit von Geburt an schwer geistig und körperlich behinderten Menschen. Die überwiegend jungen Menschen kommen in Begleitung der Familie. Hier ist besondere Sensibilität gefragt, wenn zum Beispiel der gut gemeinte Handschlag zur Begrüßung beim Betroffenen große Schmerzen auslöst und die Familie ihren Schützling wieder beruhigen muss. Es kommt auch vor, dass der Einweiser ungewollt in die Privatsphäre der Familie eindringt, wenn er dem zukünftigen Schiffsführer zum Beispiel den Außenborder erklärt und dabei die Heckkabine passieren muss, in der das behinderte Kind nach der langen Anreise pflegerisch versorgt wird. Betroffene Familien sollten sich dessen bewusst sein und ihre speziellen Bedürfnisse klar kommunizieren. Dann können sie darauf vertrauen, dass seitens des Einweisers so gut wie alles getan wird, damit die Bootsreise gelingt. Dazu gehört auch, dass die Einweisung über das für die Charterbescheinigung vorgesehene Pflichtprogramm hinausgeht und den individuellen Bedürfnissen der Familie oder Gruppe gerecht wird. Es versteht sich von selbst, dass die Person im Rollstuhl in besonderer Weise geschützt sein muss, sei es durch das Tragen einer Rettungsweste und das seemäßige Arretieren des Rollstuhls während der Fahrt und vor Anker liegend.

Eine Frage des Selbstvertrauens

Wozu Chartergäste mit Mobilitätseinschränkungen in der Lage sind, möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen. Zwei junge Damen haben ein Boot gechartert, die eine mit dem Rollstuhl uterwegs, die andere nicht. Beide erweisen sich auf meine Nachfrage nicht als beste Schwestern, aber als „ziemlich beste“ Freundinnen, die schon andere Herausforderungen gemeinsam gemeistert haben und offen für Neues sind. Die Beiden haben sich darauf verständigt, dass die Dame im Rollstuhl Schiffsführerin ist. Ich frage nach ihren körperlichen Möglichkeiten und erfahre, dass unterhalb der Gürtellinie eine vollständige Lähmung vorliegt und ein kurzfristiges Verlassen des Rollstuhls nicht möglich ist. Der Oberkörper ist jedoch beweglich und die Arme sind in vollem Umfang zu gebrauchen. Ich frage weiter nach der Fahrtroute. Diese soll nicht in die nächstbeste Ankerbucht um die Ecke, sondern gleich zur nächsten Schleuse führen. Während viele andere Bootchartergäste ohne Handicap Schleusen so gut es geht meiden, sehen die beiden darin nur eine weitere Challenge unter vielen bereits absolvierten. Respekt, Respekt!
Nun stehe ich als Einweiser vor der Herausforderung, den beiden zu erklären, wie sie zu zweit das Boot möglichst stressfrei an die Schleusenwand schieben, die Leinen elegant an einer Befestigungsmöglichkeit durchkriegen und anschließend während des Schleusens die Leinen führen. Wir finden eine Lösung und machen auch gleich eine „Trockenübung“ an der Spundwand, an der sich Befestigungsbügel ähnlich denen in einer Schleuse befinden. Anschließend machen wir abweichend vom Standardprogramm noch einen kurzen Abstecher zur Ansteuerungstonne, um ein Gefühl für die Wellen der Müritz zu bekommen. Während die „ziemlich beste“ Freundin das Gepäck an Bord bringt, schiebe ich die Skipperin zur theoretischen Unterweisung. Am nächsten Vormittag fahren sie das Boot ohne die bei Anfängern üblichen Schlangenlinien durch den Kanal auf die Müritz und kriegen ebenso elegant die Kurve in Richtung der roten Tonnen entlang des Südufers.

Fazit: Es ist vieles möglich, wenn man nur will und sich nicht von Schicksalsschlägen davon abbringen lässt. Wenn meine Einweiserkollegen und ich Chartergästen dabei helfen können, ihre individuelle Dosis an Selbstvertrauen zu finden, haben wir uns das Feierabendbier an der Beach Bar redlich verdient.

Text: Klaus Neumann

Fotos: Kuhnle-Tours / Harald Mertes

Interview mit @jenny_rosa_pusteblume – Hausbooturlaub mit der Kormoran 1140

Interview mit @jenny_rosa_pusteblume – Hausbooturlaub mit der Kormoran 1140

Die Bloggerin @jenny_rosa_pusteblume war im Juli mit einer Kormoran 1140 ab Hafendorf Müritz Richtung mecklenburgische Seenplatte unterwegs. Wie es ihr als Hausboot-Neuling ergangen ist und welche hilfreichen Tipps Sie für einen Hausbooturlaub mit Kindern und Hund hat, erfährst du in diesem Interview:

Kannst du dich für unsere Leser einmal vorstellen?

Ich bin Jenny und lebe mit meinem Mann und unserer kleinen 4 jährigen Tochter Rosalie am Stadtrand vom Großstadtdschungel Berlin. 2016 gaben mein Mann und ich uns an der Uckermark unter einem Apfelbaum auf unserer Scheunenhochzeit mit all unseren Liebsten das Ja-Wort, 2 Jahre später kam unsere kleine Tochter zur Welt. Aktuell bin ich auch schwanger und wir erwarten im Dezember unser 2. kleines Wunder.

Wie bist du zu Social Media gekommen?

Ursprünglich nutzte ich Social Media um mich mit der Familie und Freunden zu vernetzen und ab und an ein Update aus unserem Leben zu Posten – Urlaubsbilder etc. Mit der Hochzeit , den Vorbereitungen und Basteleien dazu und der darauffolgenden Schwangerschaft wuchs die Community und es kamen stetig neue Gesichter dazu, die uns bis heute begleiten. 

Wann warst du mit KUHNLE-TOURS unterwegs und mit welchem Hausboot?

Im Juli begann unser fünf-tägiges Hausboot Abenteuer auf der Kormoran 1140.

Mit wem warst du während des Törns unterwegs?

Wir waren 4 Erwachsene und 2 Kinder. Mein Mann, unsere kleine Tochter und ich. Meine Schwester, ihr Mann, ihre 11 jährige Tochter und der Jack Russel Willi waren ebenfalls an Bord.

Was war dein persönliches Highlight während des Törns?

Es ist eine intensive entschleunigende Zeit mit der Familie mit vielen verschiedenen Abenteuer. Wir haben auf dem Hausboot den Geburtstag meiner Schwester gefeiert das war mein persönliches Highlight. 

Wie war es, als Hausboot-Neuling zu starten? Gab es Herausforderungen? Wie kamt ihr mit dem Hausboot zurecht? Gab es Dinge, über die du überrascht warst?

Für mich war die Herausforderung das An- und Ablegen des Bootes und das Schleusen. Am Anfang war es sehr aufregend das Boot an den Steg heran zu manövrieren, jeder an Bord wird dafür benötigt und am Ende ist man stolz auf seine gemeinsame Teamarbeit, wir wurden bei jedem Mal besser. 

Wie gestaltete sich ein Hausbooturlaub mit Kindern? Worauf sollte man deiner Meinung nach achten? Welche Empfehlungen würdest du deinen Zuschauern geben, wenn diese eine Hausbootfahrt machen möchten?

Ein Hausboot ist aufregend, es ist mal etwas ganz anderes als ein „normaler“ Urlaub und dementsprechend auch aufregend für die Kinder. Je nachdem wie alt die Kinder sind und ob sie schwimmen können oder nicht, gibt es auch entsprechende Dinge worauf ich persönlich achten würde. 

Hier einige Tipps auf die ich achten würde: für das An- und Ablegen benötigt man alle helfenden Hände an Bord, zumindest 2 Personen – Man sollte sich die Frage stellen, ob sich die Kinder während dieser Zeit sicher alleine im Boot beschäftigen können.

Bei Regenwetter lohnt es sich genügend Spielzeug und Ablenkung mitzunehmen, denn wenn man nicht gerade anlegt, braucht man auf dem Boot Beschäftigung. Wir haben Activity etc. gespielt und es hat furchtbar viel Spaß gemacht. 

KUHNLE-TOURS bietet verschiedene Bootstypen an, unser Kormoran hatte viele Treppen nach oben ans Deck, nach unten in die Küche und Kabinen. Zum einen bedeutet dies kleine Hürden um ans Wasser zu gelangen 😉 aber zum Anderen auch Stolperfallen. Je nach Bedürfnis sollte man sich überlegen, ob man solch ein Boot mit vielen Treppen oder ein Febomobil das ebenerdig ist, wählt. 

Im Kapitänshandbuch von KUHNLE-TOURS gibt es hilfreiche Tipps für Familien sowie aufgestellte Regel-Ideen. Definitiv sollte man mit den Kindern vor Fahrtantritt Regeln aufstellen z.B. Während der Fahrt wird bei Nicht-Schwimmern eine Weste getragen. Nach draußen geht es nur in Begleitung eines Erwachsenen etc.

Wie war ein Urlaub auf dem Wasser mit Hund? Hast du Tipps?

Einen Hund ist es ja meist egal wie groß das „Haus“ ist, da er sich nur bei seinem Herrchen/Frauchen aufhält, solange er genügend Auslauf bekommt. Mein absoluter Tipp worauf man nicht verzichten sollte ist es ein SUP oder Beiboot mitzunehmen, denn wenn man nicht anlegt sondern auf einem See ankert, muss man dennoch mit dem Hund irgendwie an das Land für den nötigen Auslauf gelangen und dafür ist solch ein SUP das perfekte Taxi. 

Was darf in der Reisetasche auf keinen Fall fehlen?

Deko. 😂 Ich versuche es den Kindern immer so heimisch wie möglich zu machen, die Kabinen dekorierte ich mit Wimpel- Lichterketten und Nachtlichtern. 

Neben den normalen Reiseequipment wie Sachen, Kosmetik, Unterlagen, Apotheke empfiehlt es sich genügend Essen und Trinken und Powerbanks mitzunehmen. 

Weitere Eindrücke von der Reise findest du hier.