Ein Barsch im Haifischbecken

Wenigstens die Frauen schauen skeptisch. Dass ihre Männer mit dem Auto quasi groß geworden sind, wissen Beide. Aber was da im Wasser liegt, erscheint ihnen doch ein wenig zu groß. Dabei ist es nur ein „Barsch“. Aber was für einer?  Knapp 15 Meter lang, fast viereinhalb Meter breit – der Barsch aus der Kormoran-Primus-Reihe hat es in sich. Für Landratten scheint dies ein Schiff zu sein, das Landratten lieber meiden sollten.

Ralli, künftig mein KaLeu, und  Bootsmann Jussi sehen das naturgemäß anders. Vor allem nach der fachmännischen Einweisung  bei Kuhnle-Tours in der Marina  Müritz. Hier am Südostufer von Deutschlands größtem See mit rein deutschem Ufer (sonst wär´s ja der Bodensee) haben die zwei nicht erst einmal mit mir vorbei geschaut. Irgendwann kam dann der Entschluss: Wir gehen auf´s Hausboot, in Deutschland – da, wo wir zu Hause sind.

Der freundliche Einweiser im Hafen, hat die Ruhe weg. Wieder mal zwei Kerle, die von Luv und Lee keine Ahnung haben, mag er denken. Aber mein KaLeu und ich sind hier zu Hause, wir kennen die Seen und schwimmen können wir auch. Und weil der Einweiser immer für ein Schwätzchen zu haben ist und weil wir uns offensichtlich recht anstellig zeigen, ist auch die praktische Unterweisung mit steuerbord, backbord, vor und zurück, mit Bugstrahlruder schnell und erfolgreich vorbei.

Und die Frauen?

Die haben erst einmal unter Deck nach dem Rechten geschaut. Und sind mehr als überrascht. Drei Kojen, drei Bäder, Pantry und Salon – alles mit einer fast zwei Meter hohen Kopffreiheit – wenigstens Beulen sollte es hier nicht geben. Sonnendeck  und –segel  finden ebenso Anklang wie die Badeplattform achtern. Morgens ins glasklare Wasser springen, eine Runde schwimmen und dann an den Frühstückstisch – unser Törn kann beginnen.

Muss er auch, denn in zwei Stunden macht die Schleuse in Mirow dicht. Da wollen wir unbedingt noch durch. Also raus aus dem geschützten Claassee durch einen kleinen Stichkanal hinaus auf die große Müritz. 117 Quadratkilometer groß und in ihrer Ost-West-Ausdehnung immerhin 25 Kilometer lang – da sollte man, zumal ohne Bootsführerschein, durchaus Respekt haben. Zumal sich gerade am Südzipfel  dieses größten der Mecklenburgischen Oberseen die Wellen gelegentlich meterhoch auftürmen.

Das bleibt uns und dem „Barsch“ erspart. Wir schippern gemütlich aber zielstrebig auf die Kleine Müritz zu, lassen an Backbord Rechlin und an Steuerbord Vipperow liegen (auch die tückischen Untiefen neben der Teilungstonne, die unserem weit mehr als zehn Tonnen schweren Schiff leicht hätten zum Verhängnis werden können).

Die Schleuse in Mirow wird zur ersten Bewährungsprobe. Ralli achtern, Jussi am Bug – die Leinen sind belegt. Die Frauen sind ruhig. Gott Lob ist dies nicht die kleinste Schleuse, die wir in den nächsten Tagen zu passieren haben. Und Gott Lob erinnere ich mich in diesem Moment eines Spruchs meiner Frau: In der Ruhe liegt die Kraft und in der Pause wächst der Muskel. Also rutschen wir gemächlich in die Schleusenkammer, die Leute oben auf der Brücke mögen meinen, dass hier eine wind- und wettergegerbte Crew am Werke ist. Auch die Frauen atmen auf und ein kleines Lob tut dem Skipper und seiner Mannschaft gut.

Eigentlich hätten wir jetzt bis Granzow weiterschippern wollen. Aber kaum, dass wir die B 198 in Mirow unterquert haben, lockt hinter der Schlossinsel ein Mann mit Händen und Beinen. Der umsichtige Hafenmeister vom Bootsservice Rick lässt mich von meinem Plan abkommen (ehrlich: ich war zu diesem Zeitpunkt auch froh, die ersten Seemeilen ohne Blessuren gemeistert zu haben – der Crew ging es ähnlich).  Das Anlegemanöver ist ziemlich einfach. Mit dem Bug zum Ufer (wegen der Badeplattform hinten und des morgendlichen Bades) steuerbord festmachen, das sollte funktionieren. Zumal sofort vier Männer auf dem Steg stehen und bereitwillig die Leinen übernehmen und den „Barsch“ damit fachgerecht über vier Poller vertäuen.  Meine Schwester Christine sagt sofort, wir sollten uns mal rasch mit vier Bier bedanken. Was wir auch tun, zumal unser Vorrat am ersten Tag noch hinreichend zu sein scheint. Und Bootsmann Jussi meint, das Bier könnten wir uns ja zurückholen, wenn auch wir Anderen helfen würden.

Gut, wegen vier Flaschen Bier müssen Ralli und ich uns nicht ins Zeug legen – helfen tun wir dennoch. Nur das mit dem Bier klappt nicht. Nicht hier in Mirow, nicht während des gesamten Törns. Was wir lernen ist, dass man sich einfach nur gegenseitig hilft. Und, dass gelegentlich der Skipper eines kleineren Bootes möglichenfalls auch Sorge haben könnte, wenn sich da von hinten solch ein „Pott“ nähert.

Diese Angst teilen indes nicht alle. Denn nach dem abendlichen Käpt´ns-Dinner auf dem Oberdeck und dem morgendlichen Frühstück an gleicher Stelle, nach der Passage von Zotzen-, Mössen- und Vilzsee geht es auf die Diemitzer Schleuse zu. Immer noch tief beeindruckt von der göttlichen Natur auf beiden Seiten unserer Route, bin ich eigentlich bester Laune. Was sich rasch ändern soll. Alle Festmacher vor der Schleuse sind belegt und in der kleinen Bucht davor warten um die fünfzig Schiffe auf eine Passage. Und nun ich – mit der schon beschriebenen Länge, mit der schon beschriebenen Breite und mit Skippern voraus, die alle zu sagen scheinen: Hau´ab, ich bin der Nächste! Willkommen im Haifischbecken.

Gut sagt die andere Christine – meine Frau – wir sind ja nicht auf der Flucht, ergo können wir uns Zeit nehmen. Auf der Flucht sind wir zwar nicht, aber bis zur Marina Wolfsbruch wäre ich an diesem Tag schon gern gekommen. Also nicht vor Anker gehen, also mit schwimmen im Haifischbecken der erregten Gemüter. Was auch ganz gut funktioniert. Ein par kleine Nussschalen scheinen mir zwar den Krieg erklärt zu haben, aber ein offensichtlich erfahrener Bootsführer gibt mir dann freie Fahrt in Richtung Festmacher. Da treffe ich ihn und er sagt nur: Gut, dass Du die Ruhe bewahrt hast. Die Stimmung war schon am Siedepunkt.

Und erreicht sie denn auch, als eine junge Frau vom Vilzsee kommend, direkt auf die Schleuse zuhält. Alle Signalhörner machen Krach, Schreie gellen über das Wasser und manch ein  ausgestreckter Mittelfinger wird zum Himmel hoch gehalten. Die Lady, die meinte, sie wolle ja „nur schleusen“, findet ihren Meister, den von der Schleuse nämlich – sie muss sich hinten anstellen.

Trotzdem, zum Wolfsbruch komme ich mit meiner Mannschaft nicht mehr an diesem Tag. Was auch so schlimm nicht ist, in Kleinzerlang macht die Crew fest, wir löhnen den einen Euro pro laufendem Meter Schiff und freuen uns auf das Wasser und einen wieder schönen Abend auf dem Oberdeck.

Noch größer ist die Freude am nächsten Tag – bei mir jedenfalls. Nachdem ich die Schleuse Wolfsbruch, die seit 1881 Rheinsberg und Zechlin mit dem Seengebiet der Müritz  und er Havel verbindet, hinter mich gebracht habe, sehe ich die schmale Einfahrt zur gleichnamigen Marina. Ob wir hier mit mit knapp 15 Metern Länge reingekommen wären – ich habe dankend auf einen Versuch verzichtet.

Nicht verzichten kann ich, den „Barsch“ zwischen Schlabornsee und Rheinsberger See unter einer Brücke durchschieben zu müssen, von der ich meine, das Fahrwasser könnte zu schmal sein für unseren Kahn. Hupen ist angezeigt, um dem entgegenkommenden Verkehr auf sich aufmerksam zu machen. Links und rechts des „Barsches“ halten sich Wasserwanderer an der Böschung fest. Und trotz der laut signalisierten Vorfahrt kommt mir ein Schiff entgegen. Die Sache wird verdammt eng, aber wie sagte meine Frau: In der Ruhe liegt die Kraft. Die bewahren wir denn auch und meine Tochter Hanni ruft den Kanufahrern zu, sie sollen sich nicht sorgen, ihr Papa würde das schon machen. Dem allerdings stehen die Schweißperlen faustgroß auf der Stirn – vor allem weil der von Rheinsberg Kommende partout glaubte, im Recht zu sein. Nur, dieses auf dem Wasser erzwingen zu wollen, bringt definitiv nichts. Ich lasse den „Berliner Großkotz“ mit seiner Yacht passieren und fahre dann selbst auf dieses Nadelöhr zu.

Dann endlich Rheinsberg. Schloss, Marktplatz, Tucholsky – alles hatte ich mir schon von Land aus erschlossen, noch nie wasserseitig. Das allerdings sollte man unbedingt tun, denn die Stadt erscheint einem in einem völlig neuen Licht. Es ist einfach unbeschreiblich. Und die Marina am Yachthafen ist zweifellos eine der best geführten in der gesamten Seenplatte. Es ist an der Zeit, Proviant aufzunehmen. Andererseits hätten wir gern eine gemütliche Kutschfahrt durch die altehrwürdige Stadt unternommen. Beides lässt sich verbinden. Der Kutscher vor dem Schloss zeigt uns die Sehenswürdigkeiten und macht einen kleinen Schlenk am Supermarkt vorbei. Viele mögen in Rheinberg gewesen sein, viele vielleicht auch mit dem Hausboot – die wenigstens haben per Kutsche eingekauft.

Unser Törn  hat die Halbzeit hinter sich. Es geht zurück – nicht ohne an der Teilungstonne auf der Kleinen Müritz nach Steuerbord abzudrehen. Ich nehme noch einmal einen neuen Kurs auf, nach Buchholz soll es gehen. In Vipperow wieder unter die B 198 durch, dann Müritzsee und Müritzarm hinter uns lassend, erreichen wir den kleinen Ort am Ende einer – schifffahrtstechnisch gesehen – Sackgasse. Und wir erreichen das Gasthaus „Zu den drei Linden“. Das hat den Charme der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und den Ruf einer besonders guten Küche. Was eignet sich besser, um den Geburtstag von Bootsmann Jussi hier gebührend zu feiern. Schade nur, dass der gute Ruf, der dem Haus voraus eilt, nicht das hält, was uns schließlich erwartet. Die resolute Wirtin lässt sich auf keine Sonderwünsche ein, weder auf den meines Bootsmannes und schon gar nicht auf den des KaLeu. „Essen Sie mal was auf den Tisch kommt“, sagt die Chefin in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt. „Sie werden überrascht sein.“ Zu ihrer Ehrenrettung muss ich sagen, der Fisch war frisch, der Kartoffelsalat außergewöhnlich  gut – nur Bootsmann und KaLeu mochten der Einschätzung ihres Skippers nicht folgen.

Der letzte Tag lässt mich beim Blick durch das Fenster meiner Koje nichts Gutes ahnen: Es regnet, und zwar kräftig. Trotzdem, die rund zehn Seemeilen von Buchholz bis in den Heimathafen müssen geschafft werden. Und der Regen bringt auch eine neue Erfahrung mit sich. Bislang stand ich immer auf dem Oberdeck. Gut, mit wetterfesten Klamotten hätte ich auch an diesem Tag dort stehen bleiben können. Nur warum? Unten im Salon ist es warm, am Tisch sitzt meine Crew und spielt „Monopoly“. Und ich am Außenfahrstand? Nein, das will ich mir nicht antun. Zumal sich der Innenfahrstand im Salon an Backbord befindet – Autofahren ohne Vollbremsung also. In der Tat, das Ganze funktioniert prima. Nur der KaLeu mault. Er schmeißt hin und schaut nach der Maschine.

Die hat uns über eine Woche hinweg nicht einmal ansatzweise im Stich gelassen. Und selbst die fast sechs Beaufort auf den letzten Meilen über die Müritz in den Claassee haben ihr nichts anhaben können. Es war dies der erste führerscheinfreie Hausbooturlaub von Skipper Jochen. Es war auch der letzte. Meine Crew – Christine, Hannah und Justus – haben mir gerade ein Geburtstagsgeschenk gemacht: Lehrgang für einen Bootsführerschein bei Kuhnle Tours.