Die Unsichtbare

Schleusenwärterin von Mirow

Wenn Carmen Fischer zur Arbeit geht, schlüpft sie durch ihre Gartenpforte, geht kurz über den gepflegten Rasen, dann an einem tiefen Abgrund entlang bis sie im ersten Stock eines Backsteinhauses verschwindet und fortan nur noch über Lautsprecher zu hören, aber nicht mehr zu sehen ist. Carmen Fischer ist Schleusenwärterin in Mirow. Für viele Charterskipper, die an der Müritz ihr Boot übernehmen, ist ihre Schleuse die erste Bewährungsprobe. Ausgerechnet die Schleuse mit dem höchsten Hub und dem wenigsten Platz zum Manövrieren wenn man warten muss. „Bei Seitenwind ist es gar nicht so einfach das Tor zu treffen“, weiß die Wärterin, ihr Rat für alle Schleusenlagen: „Ruhe bewahren.“ Oft sei es besser ein vergeigtes Manöver noch mal von vorne zu beginnen statt zu versuchen, es mit spontanen Ideen zu retten. Ein weiterer Rat: „Nehmt die gelben Stangen zum Festmachen“, beim Abwärtsschleusen reichen die Leinen nicht bis zum Poller oben und zurück aufs Boot. Wie wird frau eigentlich Schleusenwärterin? „Eigentlich habe ich den Job geerbt“, lacht Carmen Fischer. 1989 wurde der damalige Schleusenwärter nach 22 Jahren krank – ihr Schwiegervater. Da die Verwaltung Wert drauf legte, dass die Schleusenbedienung an der Schleuse wohnt, habe man ihr „nahegelegt“, die Stelle zu übernehmen, ein Winter blieb ihr Zeit, sich in die neue Aufgabe einzuarbeiten. Seitdem hat sich viel getan, der Verkehr ist mehr geworden, die für Mirow charakteristischen Hubtore fahren per Mausklick hoch und runter, Die Unsichtbare Schleusenwärterin von Mirow ebenso genügt ein Klick, um dazwischen die Schleusenkammer zu fluten oder zu leeren. „Und die Yachten sind natürlich größer geworden“, berichtet Fischer, im Sommer flitzt sie deshalb auch mitunter runter zur Schleusenkammer, um die Boote so in der Schleuse zu verteilen, dass möglichst viele mitkommen. Auch wenn es gerechterweise nach der Reihe gehen soll, muss manch Kleiner erst warten, bis die breitesten Boote drin sind und sich mit einer Lücke begnügen. Am liebsten schließt sie die Tore von oben: „Hier habe ich einfach den besten Überblick, ob noch einer kommt.“ Auch wenn sie dann für die Bootsbesatzungen unsichtbar ist und ihr der direkte Kontakt zu den Crews fehlt, was sie eigentlich besonders an ihrem Beruf schätzt. „Die meisten sind ja sehr freundlich, fragen nach Angelkarten und Tipps zum Essen gehen. Da helfe ich gerne weiter.“ Und was macht eine Schleusenwärterin, wenn nicht geschleust wird? „In der Saison muss ich mich natürlich auch um den Wasserstand kümmern, Pegelstände an die Dienststelle durchgeben und je nach Ansage mehr oder weniger Wasser von der Müritz ablassen.“ Außerdem führt Carmen Fischer ihre Durchfahrtsstatistik, pflegt Schleusenhaus und Außenanlagen und im Winter gibt es den aufgesparten Urlaub und Sondereinsätze in der Dienststelle – je nachdem was anliegt. Freizeit gibt es im Sommer wenig, aber genug für das Hobby, das Carmen Fischer mit ihrem Mann teilt: „Boot fahren! Was denn sonst?“