Die Reise mit der Tjonger „Sturmvogel“

Die Reise mit der Tjonger „Sturmvogel“

Hallo, liebe Freunde der entspannten und gepflegten Bootstouristik,

ich habe seit etwa 1998 bereits recht viele Fahrten mit Kuhnle-Schiffen gemacht. Beim meiner ersten Buchung befanden sich die alten Anlagen im Hafendorf noch im Abriss. Das Büro war noch in dem Gebäude, wo sich nun der AWN-Shop befindet, das Schiff wurde noch in der „Bootsgarage“ übergeben. Bis heute habe ich mich jedoch noch nie hinterher zu einem Kommentar durchringen können. Das möchte ich nun, an dieser Stelle einmal nachholen.

Ich bin immer wieder begeistert von der lockeren freundlichen, ja geradezu familiären Art, die mir bei Kuhnle entgegenschwappt, wie die sanften Wellen der Mecklenburger Seen. Die Schiffe sind immer sehr gepflegt und sauber, noch nie gab es für mich etwas zu beanstanden. Dazu kommt die freundliche Hilfsbereitschaft, wenn ich eine Frage hatte, oder wenn es mal unterwegs eine Panne gab. Einmal war mir der Törn-Atlas kurz nach der Ausfahrt auf die Müritz von Bord geweht. Ich habe im Hafenbüro angerufen, und in Mirow brachte mir ein freundlicher Mensch einen neuen Atlas an Bord. Solche Dinge liebe ich. Man fühlt sich auf der gesamten Fahrt nicht allein gelassen, sondern hat stets das Gefühl, die Kuhnle-Leute sind zumindest mental dabei, stets nach dem Motto: „und wenn was ist, ruf an.“ Wenn ich eine Frage hatte, habe ich per Notfall-Handy stets kompetent und freundlich, sympathisch und ruhig Antworten erhalten. Bei Kuhnle habe ich durchweg das Gefühl, dass man versteht, was der Kunde möchte, und nach Kräften versucht, den Menschen ein echtes „Wohlfühl-Gefühl“ zu vermitteln. Bei Kuhnle werden eben nicht nur Schiffe verchartert, sondern man „lebt“ den Bootstourismus, und hat Freude daran, wenn die Leute diesen „Geist“ aufnehmen. Ich sage das keineswegs, um hier Lobhudelei zu betreiben, sondern deshalb, weil ich ja inzwischen bereits eine ziemliche Anzahl von Mitarbeitern kennengelernt habe, und mir quasi flächendeckend diesen Eindruck vermittelt wurde. Dies gilt übrigens nicht nur für die Mitarbeiter im Hafendorf sondern ebenso für sämtliche Mitarbeiter in den anderen Stationen, wie z.B. in Zeuthen oder in Niderviller. Von Überall könnte ich derartige hervorragende Erlebnisse schildern, würde hier allerdings den Rahmen sprengen. Außerdem habe ich ein derartig grottenschlechtes Namens-Gedächtnis und kann mir die Namen immer nicht merken.

Darüber hinaus gefällt mir aber auch noch die unbürokratische Kommunikation mit den Mitarbeitern der Buchungsabteilung. Ich habe schon bei anderen Charterfirmen gebucht, und weiß daher durchaus, wie es bei anderen abläuft. Macht bitte weiter so, Ich bleibe euch treu und freue mich auf noch viele weitere Reisen mit Kuhnle-Schiffen,

Herzliche Grüße an alle,

Karsten Drewes

von Rechlin nach Elbing (Polen) – eine Überführungsfahrt

Ich habe im April 2015 eine Tjonger vom Hafendorf Müritz nach Elbing gebracht. Während der Reise habe ich eine Art Tagebuch geführt und wollte immer einen richtigen Bericht daraus machen. Diesen Bericht habe ich nun fertiggestellt. Wenn also jemand Lust und Interesse hat, ihn sich durchzulesen, sollte er das gern tun.

7. April 2015

Um 16:00 h startete ich zu einer Überführungsfahrt von Rechlin nach Elbing (Elblag) in Polen. Ich fuhr mit einer „Tjonger“ Stahlyacht von knapp 10 m Länge mit einem Tiefgang von etwa 70 cm. Und einem Motor mit 65 PS.

Es war meine erste Fahrt nach Polen und ich war ganz alleine unterwegs. Ich hatte mich vorher via Internet versucht über eine solche Reise zu informieren, das war mir jedoch nur sehr lückenhaft gelungen. Es gibt so gut wie keine brauchbaren Pläne dieser Strecke, obgleich es sich um eine Internationale Wasserstraße handelt. Wenn man Aufzeichnungen findet sind sie im Regelfall alt und nicht mehr aktuell, und sie beschreiben auch häufig nur die Sehenswürdigkeiten an der Strecke. Über so fundamentale Fakten wie Wassertiefen oder Zustand der Strecke gibt es praktisch nichts, auf dem man aufbauen könnte. Diesem Umstand habe ich auch in diesem Bericht Rechnung getragen, und es finden sich immer wieder Hinweise auf die schlechte Informationslage in Polen.

8. April 2015          

Nachdem ich mich noch mit Freunden in Mirow zum Essen getroffen, eingekauft und ein neues Polster für den Salon übernommen hatte, fuhr ich am nächsten Morgen los. Die ersten Kilometer waren ja bereits bekannt und ich konnte die Mecklenburger Seenplatte mit ihren wunderschönen Seen und Kanälen genießen. Zunächst war es die ganz normale Strecke Richtung Berlin. An diesem Tag fuhr ich bis zur Schleuse Marienthal (Zehdenick). Zehdenick eignet sich sehr gut, um die restlichen Dinge für eine so lange Fahrt einzukaufen, denn danach findet man nur schwer noch gute Einkaufsmöglichkeiten. Überdies ist die Marina in Zehdenick sehr schön und man kann dort sehr gemütlich liegen.

9. April 2015

Am 9. 4. also nochmal kurz in Zehdenick eingekauft, dann weiter den Vosskanal entlang, bis zum Abzweig in den „Langen Trödel“, der eigentlich bereits fertig sein sollte. War aber nichts. Also weiter den Malzer Kanal und dann auf die Oder Havel Wasserstraße. Dann, bei Km 50 die erste schwere Entscheidung: entweder rechts ab in den Finow Kanal, oder die Oder Havel Wasserstraße weiter bis zum Schiffshebewerk Finow-Eberswalde. Ich entschied mich für den Finow Kanal, weil er natürlich besonders schön ist, und weil die OHW eher den Charme einer Autobahn hat, und bog also in den Finow Kanal ein. Nach etwa 500m kam ich an die erste Schleuse, an der ein Schild mich darauf aufmerksam machte, dass der Kanal genau am nächsten Morgen, am 10. 4. um 9:00h öffnete. Also: vor der ersten Schleuse übernachtet.

 

10. April 2015

Ich war der Erste, der in diesem Jahr den Finow Kanal befuhr. Traumhaft schöne Gegend, allerdings braucht man, bedingt durch die Schleusenzeiten, für den Finow Kanal zwei Tage um durchzukommen. Dafür wird man mit wunderschönen Eindrücken von Landschaft und von dem historischen Charakter des Kanals mehr als entschädigt. Der Kanal ist keine Landeswasserstraße, sondern wird kommunal betrieben, was man an der deutlich angenehmeren Umgangsweise mit Bootstouristen sehr anschaulich spürt. Sämtliche Schleusenwärter und -Innen und auch alle andere Bedienstete sind ausnehmend freundlich und zuvorkommend. Ich hatte Glück und bekam von dem ersten Schleusenwärter einen kompletten Kartensatz der Wasserstraßen in der Region geschenkt (sogar das Stück Oder, das ich brauchte, ist mit drauf). Am ersten Tag kam ich aber nur bis zur Klappbrücke am Finowkanalpark.

11. April 2015       

Um 9:00 h die Klappbrücke passiert. Danach weiter bis zum Ende des Finow-Kanals. Nun wollte ich es mir nicht nehmen lassen, zumindest einmal kurz durch das Schiffshebewerk Niederfinow-Eberswalde (hin und zurück) zu fahren. Das klappte wunderbar und war auch ein tolles Event.

Danach weiter in Richtung Oder. Bevor ich jedoch auf die Oder fuhr, wollte ich noch Diesel tanken, weil mir ziemlich klar war, dass ich auf der Oder keine Tankstelle finden würde, und ich Befürchtungen hegte, dass der halbe Tank, der mir noch zu Verfügung stand möglicherweise gegen den Strom nicht ausreichen würde. Es begann eine verzweifelte Suche nach einer Tankmöglichkeit. Niemand wollte mir Sprit verkaufen. Letzte Hoffnung: die Marina Oderberg (soll eine Tankstelle haben). Dort angekommen traf ich auf Rudolf Rex, seines Zeichens Schiffseigner und Kenner der Seefahrt. Er erklärte mir wie man auf der Oder (aufwärts) fahren muss, nämlich nicht nur nach den Tonnen, sondern auch nach den Zeichen an Land. Er machte mir sogar eine Skizze und verwies mich an einen guten Freund, dessen Namen ich mir aber nicht gemerkt habe, der in der Marina Kienitz offenbar das Sagen hat und alles Mögliche besorgen kann (auch Diesel). Bis Kienitz waren es noch etwa 50 Km, das sollte noch reichen. Ich fuhr also am Nachmittag wieder los.

Beim Einbiegen auf die Oder (Km 667) kam mir ein Touristenschiff entgegen, welches Richtung Schiffshebewerk fuhr und vor mir in die Oder-Havel-Wasserstraße einbog. Es sollte das letzte Schiff sein, das mir begegnete, ab da war ich allein auf dem Wasser. Ich fuhr also Oderaufwärts und kam bei Vollgas gerade mal mit 9 Km/h voran.

Darüber hinaus gibt es nirgends eine Möglichkeit festzumachen, außer in den flachen Buchten an Bäumen. Nach etwa einem Kilometer gab es einen gewaltigen Schlag und ich saß fest. Eine kurze Untersuchung ergab, dass ich auf einen Baum aufgefahren war, der unter Wasser lag. Das Ganze etwa 200 m vom Ufer entfernt und in einer menschenleeren Gegend. Dank der starken Strömung kam ich nach mehreren Versuchen im Rückwärtsgang wieder frei und konnte den Baum weiträumig umfahren. Nach ca. 4 Stunden Fahrt versuchte ich ans Ufer zu fahren, um mein Schiff irgendwo festzubinden, und fuhr mich wieder fest. Diesmal auf einer Sandbank. Auch hier komme ich wieder frei. Der nächste Versuch klappt, und ich erreiche das rettende Ufer. In einer kleinen Bucht binde ich das Schiff an einem Baum fest. Die Sache mit der Handbreit Wasser unterm Kiel wird hier offenbar etwas salopp ausgelegt. Es hatte inzwischen stark aufgefrischt und es brauste ein Sturm über die Oder. Die Nacht war dadurch etwas unruhig, es schepperte gelegentlich aber der Baum und die Leinen hielten.

12. April 2015    

Morgens weiter nach Kienitz, um zu tanken. Die Einfahrt zur Marina ist nicht so einfach zu finden, aber es geht. Endlich mal wieder etwas schneller fahren, wenn auch nur für wenige Kilometer. Ich treffe in Kienitz auf eine völlig verwaiste Marina, kein Mensch zu sehen. Also starte ich durch und fahre weiter die Oder hinauf. Vielleicht kann man ja in Polen doch besser tanken. Bei Km 617 geht’s von der Oder ab, und bei Kostrzyn (Küstrin) in die Warthe (Warta) hinein. Mein Tank war noch immer ¼ voll, also war meine Panik unbegründet. Leider gibt es auch auf der Warthe keine Tankstellen und zumindest im ersten Abschnitt auch keine Marinas. Ich fahre durch eine zwar schöne, aber eher langweilige Gegend ohne Abwechslung. Ich stelle fest, dass in Polen „verwahrlost“ häufig als „naturbelassen“ definiert wird. Endlich gegen Abend erreiche ich den Ort Gorzow Wielkopolski (ca 120.000 Einwohner) Der Ort verfügt allerdings über eine nagelneue Marina, und ich treffe sogleich auf 3 sehr zuvorkommende Herren die mir beim Anlegen helfen. Einer von ihnen heißt Marek und er bietet mir an, mit mir zur Tankstelle zu fahren. Er besorgte 2 Kanister (insgesamt 50l) und wir fuhren zur nahe gelegenen Tankstelle. Das Ganze machten wir 3-mal, und somit hatte ich 150l Diesel zugetankt. Am Abend fuhren wir noch gemeinsam zu Marek nach Hause, und ich lernte seine Frau und seinen 14jährigen Sohn kennen. Bevor wir dann wieder zurück zum Schiff fuhren, bekam ich ein Glas Bigoszcz (polnische Eintopfspezialität) von seiner Frau geschenkt. In Laufe unserer Unterhaltung informierte mich Marek, dass die vorletzte Schleuse vor der Weichsel (Nr. 2) nach seiner Kenntnis noch bis November geschlossen ist, aber er würde das bis zum nächsten Morgen noch mal genauer recherchieren. Ich blieb über Nacht im Hafen von Gorzow Wielkopolski.

13. April 2015

Um 8:00 h steht Marek vor meinem Schiff und erklärt mir, dass die Schleuse Nr. 2 tatsächlich im Bau und deshalb geschlossen ist. Es gibt auch keinen anderen Weg, die Schleuse zu umgehen. Einziger Ausweg: Kranen und das Schiff per Trailer um die Schleuse herumfahren und in Bydgoszcz wieder ins Wasser setzen. Ich telefoniere mit Kuhnle und er will (muss ja) die Kosten übernehmen. Marek überlässt mir die Telefonnummern der Kranfirma etc. und ich gebe sie an Kuhnle weiter. Wir verabschieden uns sehr herzlich, und ich fahre weiter auf der Warthe Richtung Notec (Netze), also Richtung Weichsel nach Bydgoszcz (ehemals Bromberg). Bei der Abzweigung von der Warthe in die Notec gibt es einen kleinen Ort der Santok heißt. Dort übernachte ich. Es gibt einen kleinen Laden in dem ich mir Milch und Brot kaufe.

 

14. April 2015   

Von Santok aus geht es immer noch ‚bergauf‘ die Netze (Notec) entlang. Den ganzen Tag geht es durch Felder und Wiesen ohne Aussicht auf Abwechslung. Einzige Abwechslung sind die Schleusen, weil vor ihnen immer kleine Sandbänke lauern, auf denen man sich herrlich festfahren kann. Jede Schleuse (und es sind bis zur Weichsel 22) kostet zudem noch 7,24 pln (umgerechnet. ca. 2 €). Aber ich kann die Zeit in den Schleusen immer wieder nutzen, um den Seewasserfilter auszuspülen, für die nächste Sandbank. Jede Marina fahre ich an aber nirgends ist jemand. Es ist halt noch zu früh, die Saison beginnt ja erst am 1. Mai. In der Marina Drawsko (auch sehr schön) übernachte ich allein auf weiter Flur.

15. April 2015

Am nächsten Tag das gleiche Spiel: Sandbänke, Schleusen, Seewasserfilter spülen usw. Bisweilen ist sogar das gesamte Flussbett versandet, so dass ich streckenweise das Gefühl habe, auf einem nassen Waschlappen zu fahren. Stets mit der Aussicht, dass, wenn ich mich wirklich richtig festfahre, es so gut wie keine Aussicht auf Hilfe gibt. Häufig hat man in der Einöde ja nicht einmal Handy-Empfang. Dann immer mal wieder die Überraschung, wenn man plötzlich eine hübsche neue Marina sieht. In einem weiteren Ort der Czarnkow heißt, gibt es ebenfalls so eine neue Marina (EU-subventioniert und toll ausgestattet). Hier kommt, nach einem Anruf, der Hafenmeister angefahren und übergibt mir die Schlüssel für die Duschen usw. und alles sogar kostenlos.

Er stellt mir sogar Kanister und einen kleinen Wagen zur Verfügung, damit ich in der, echt nur 200 m entfernten Tankstelle Diesel kaufen kann. Ich kaufe 120l und übernachte in der Marina. Natürlich nicht ohne ausgiebig zu duschen und einen kleinen Stadtbummel mit Einkauf zu machen. Dort hole ich auch ein 6er Pack Bier für meinen daheim gebliebenen Freund Hermi, weil es hier gebraut wird und einen besonderen Ruf genießt. Ich werde noch informiert, dass ich nicht in Uljscie übernachten soll, weil es dort von Rowdies nur so wimmelt, die einen mit Bierflaschen bewerfen.

16. April 2015      

Ich fahre an Uljscie vorbei (es gibt hier anscheinend auch gar keine Anlegemöglichkeit), und schleiche weiter mit höchstens 9 Km/h Richtung Weichsel durch eine langweilige aber eben naturbelassene Gegend. Heute übernachte ich in einer Schleuse. Ach ja: ich habe heute ein Schiff getroffen. Heute Vormittag kam mir plötzlich ein kleines Boot entgegen. Ich hab‘s fotografiert. Das erste fahrende Boot in Polen.

17. April 2015 

Ich bin es irgendwie leid, ständig auf Sandbänke zu fahren und keinen Ausweg zu wissen. Ich ruf wieder mal bei Kuhnle an und hole mir Trost und Absolution, aber das Schiff müsste ja dann doch irgendwie nach Elbing gebracht werden. Langweilig ist’s, aber trotzdem ganz schön. Überdies ziemlich kalt und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Etwa 20 Minuten nach dem Telefonat mit Kuhnle ändert sich plötzlich alles, und ich erreiche, bei strahlendem Sonnenschein, eine sehr hübsche (und ebenfalls nagelneue) Marina (Naklo nad Notecia). Ich mache dort fest und treffe auf den Hafenmeister, der mich fröhlich empfängt und mir mitteilt, dass ich der erste Gast in dieser Marina bin, denn heute um 11:30 h wird diese neu gebaute Marina erst eröffnet. Zur Eröffnung spielt eine Blaskapelle, die Marine ist vor Ort und ich werde sogar zum Essen eingeladen. Ich treffe den Bürgermeister und den Landrat dieser Gegend und ich bin mitsamt dem Schiff auf einem Eröffnungsfoto im Internet. Zum Abschluss gibt es noch einige Infos und ein hübsches Buch über den Ort und die ganze Gegend.

Ich fahre nun wieder frisch gestärkt und frohen Mutes weiter, bis ich an die Schleuse Nr. 5 komme. Dort übernachte ich abermals. Inzwischen habe ich erfahren, dass die „Sturmvogel“ morgen früh um 10:00h per Kran aus dem Wasser geholt werden soll, und zwar ca. 300 m vor der Schleuse Nr. 4.

18. April 2015

Pünktlich um 8 fahre ich in die Schleuse 5. Kurz vor Schleuse 4 gibt es plötzlich ein riesiges Angler-Happening. Auf etwa zwei Kilometern Länge ist das Ufer dicht an dicht von Anglern gesäumt. Das Ganze endet etwa 250 m vor der Schleuse Nr. 4. An dieser Stelle führt ein Weg direkt am Ufer entlang. Ich denke mal hier soll es passieren.

Leider komme ich mit dem Schiff nicht ganz bis ans Ufer heran. Nur der Bug ragt bis ans Ufer, und so binde ich den Bug mal wieder an einem Baum fest. Um 9:30 bekomme ich eine SMS von dem Kranführer, dass er erst gegen 11:00 h kommen kann. Um kurz vor 11 ist er dann aber auch tatsächlich da, mit einem mächtigen Kran. Kurz darauf kommt auch der Tieflader. Selbstverständlich fängt es genau in diesem Moment an zu regnen und der Regen wird sogar immer heftiger.

Trotz aller Widrigkeiten klappt die Aktion problemlos. Als das Schiff verladen ist, hört es auch auf zu regnen. Der LKW-Fahrer fährt mit mir zunächst zu einer Tankstelle, damit ich volltanken kann. Gute 100l fehlen aber diesmal bloß, damit der Tank wieder voll ist. Wir fahren weiter und kommen zu einem großen Stadion mit Wasseranschluss. Dort wird das Ganze nochmal rückwärts gemacht. Als das Schiff im Wasser ist und ich die Gurte gelöst habe, verfängt sich dummerweise ein Gurt in der Schraube!!!! Riesensch***!!! Also nochmal das Boot hinten anheben und den Gurt aus der Schraube nudeln. Das Ganze dauert nochmal genauso lange wir das Einsetzen des Schiffs. Aber Ireneusz (so heißt der Kranführer) gibt alles, und ich kann gegen 15:00 h in Richtung der Marina Bydgoszcz abfahren. Die Marina ist allererste Sahne, allerdings bin ich auch hier der erste in dieser Saison. Ich kann mein Abwasser abpumpen (fast!) und auch Frischwasser nachbunkern die Leute hier sind sehr zuvorkommend und nett. Abends habe ich noch einen Abstecher in die Altstadt gemacht, wunderschön. Das Venedig Polens wird Bydgoszcz auch genannt.

 

19. April 2015
Heute mach ich frei. Irek (Kurzfassung von Ireneusz, der Kranführer) will mich vielleicht besuchen. Wir wollen Essen gehen. Ich schaue mir erstmal die Stadt an. Bydgoszcz ist wirklich sehr interessant. Die Stadt hat etwa 120.000 Einwohner, es gibt eine sehr hübsche Altstadt, ein tolles Opernhaus, ein Stadion, sowie eine schöne alte Straßenbahn und einige Einkaufszentren. Der Höhepunkt ist das historische wunderschön renovierte Mühlenviertel, das vorwiegend aus alten Fachwerkhäusern besteht. Die Stadt ist gut bevölkert und es ist überall etwas los.

Heute ist hier ein großes Stadtfest mit viel Musik und Kleinkunst auf allen Plätzen. Die Sonne scheint, aber es ist ziemlich kühl (12 Grad). Gegen Abend kommt Irek dann tatsächlich noch vorbei, hat aber leider nur wenig Zeit. Als er geht, spricht mich ein Mann an, der irgendetwas für die Pflege der polnischen Wasserstraßen tun möchte und meine Unterstützung erbittet. Ich hör mir seinen Vortrag an, dann geht er wieder.

  

 

20. April 2015

Ich habe noch immer nicht alle Sachen für den Weichseltrip zusammen. Vor Allem habe ich noch keine einzige Wasserkarte von der Weichsel. Ich weiß folglich noch nicht einmal wie weit ich die Weichsel abwärtsfahren muss und welche Orte es zwischendurch gibt. In der Marina bekomme ich den Tipp, mich an das „Tourist-Office“ zu wenden. Vom der wirklich sehr netten Dame im „Tourist-Office“ bekomme ich eine hervorragende Wasserkarte kopiert, da sie mir die Karte nicht verkaufen kann, es ist ihre Einzige (ca. 20 Seiten in Farbe, allerdings in Polnisch). Darüber hinaus kaufe ich mir noch ein Fernglas. Nun kann’s losgehen. Ich repariere noch schnell den Landstromstecker und bezahle meine Rechnung im Hafen (40 pln für alles – etwa 10 €). Gegen 16:00 h fahre ich los zur letzten Schleuse die mich auf die Weichsel führt. Um 18:00 h bin ich dort und mache an einem riesigen Dalben mit Landanschluss fest.

 

21. April 2015

Bereits um 7:30 bin ich durch die Schleuse durch und fahre auf die Weichsel hinaus, die sich noch sehr entspannt und gutmütig gibt. Die Sonne scheint, allerdings ist die Weichsel gelegentlich doch ziemlich flach.

Die Schifffahrtszeichen sind hier am Ufer angebracht und man muss schon sehr gut aufpassen, dass man keins übersieht. Man muss immer schauen, dass man von einem Zeichen zum nächsten (auf der anderen Flussseite) hinüberfährt. Falls man ein Zeichen übersieht ist man somit augenblicklich auf der falschen Flussseite unterwegs und trifft natürlich erst recht die Untiefen. Man kreuzt sozusagen ständig hin und her. An den ständigen Seitenwechsel muss man sich erst mal gewöhnen, aber dann klappt es recht gut. Hauptsache man übersieht keine Schilder! Alles voller Sandbänke und Untiefen hier. Manchmal hört man ein leises „Schhhhh“ dann weiß man, dass man über eine Sandbank glitscht. Wenn man Glück hat, wird’s dann gleich wieder tiefer, wenn man Pech hat sitzt man auf. Ist mir zweimal passiert, aber ich bin immer wieder freigekommen. Der Sand ist übrigens wunderschön hellgelb, wie feinkörniger Spielsand. Ab Grudziądz wird es plötzlich stürmisch.

Es bläst so stark, dass ich nicht einmal in die neue Marina hineinfahren kann, ohne fast gegen eine der Buhnen gedrückt zu werden. Ich breche das Manöver nach drei Versuchen ab und fahre weiter gegen den Sturm und mit der Strömung. Meistens mit immerhin etwa 13 Km/h bei 2000 um/min., das ist recht flott. Es ist schon verblüffend, was für Geräusche so ein Schiff machen kann. Es knallt und scheppert wie verrückt. So geht die Fahrt weiter bis zur Schleuse Biala Gora, bei der ich wieder von der Weichsel ab und in den Fluss Nogat fahren muss. Ich hab so gut wie keine Zeit gehabt Fotos zu machen, weil ich die ganze Zeit voll in Aktion war. Endlich gegen 18:00 h bin ich an dem Abzweig und kann die Weichsel wieder verlassen.

22. April 2015

Am nächsten Morgen fahre ich wieder früh los (8:00 h). Zwei ältere Herren, die hier offenbar zusammenwohnen und die Schleuse betreiben erledigen alles Notwendige. Nach der Schleuse geht es in eine sehr hübsche, sehr ruhige, seenartige Landschaft. Auch die Wassertiefen stellen hier keine Bedrohung mehr dar. Es herrscht hier eine Transittiefe von etwa 1,50 m. Es sieht hier fast so aus wie auf der Havel, nur gibt es leider keine Orte. Es ist immer noch ziemlich kalt aber die Sonne scheint wunderschön von einem knallblauen Himmel. Nach weiteren zwei Schleusen komme ich in Malbork (deutsch: Marienburg) an. Hier steht die größte Backsteinburg der Welt die seinerzeit dem ‚Deutschen Orden‘ gehörte.

Direkt unter der riesigen Burganlage gibt es einen Anlegesteg der auch sehr neu aussieht. Ich mache hier um ca. 11:00 h fest und nach einer schönen Dusche mach ich mich landfein und schaue mir die Burg an. Sie ist gewaltig und ich wandere dort solange umher, bis mir die Füße wehtun.

Nach einer kleinen Verschnaufpause gehe ich noch in die nahe Innenstadt und finde einen LeClerk Supermarkt. Ich kaufe mir erstmals wieder Zigaretten, weil es in Polen offenbar keine Zigarillos gibt. Außerdem kaufe ich in dem gut sortierten Supermarkt auch noch alles was so fehlt und gehe wieder aufs Schiff. Eigentlich wollte ich noch mehr von der Stadt sehen, aber mir tun die Füße immer noch weh, deshalb lass ich es.

23. April 2015

Morgens nochmal in die City von Malbork, um Brötchen zu kaufen und danach schön frühstücken, mit Brötchen und Eiern. Um ca. 10:00 h weiter Richtung Elbing. Das ist eine sehr ruhige Fahrt. Es gab sogar einiges zu sehen. Gegen Mittag kam nochmal Wind auf, war aber nicht so schlimm. Die meiste Zeit hab ich draußen an Deck gesessen. Dann bin ich am Jablonski Kanal, der angeblich der älteste Kanal Polens sein soll. Leider sieht er eher aus, als wäre er der neueste, denn die gesamten Uferbefestigungen sind neu gemacht. Teilweise sind sie noch dabei alles zu erneuern.

Nach wenigen Kilometern geht es nun in den Fluss, der genau so heißt wie die Stadt in der ich das Schiff abliefern soll, nämlich Elblag (deutsch: Elbing). Hier gibt es sogar richtig große Schiffe. Nach ein paar 100 m kommt auch schon der „Jachtklub Elblag“, wo sich die Kuhnle Basis befindet. Ich bin am Ziel! Jetzt erst mal was zum Essen machen und den Rest der Zeit genießen, bis meine Tochter mich hier abholt. Alles in Allem war es eine sehr schöne, bisweilen recht abenteuerliche Fahrt, bei der ich viel gelernt habe, und die ich sehr gerne noch einmal machen würde. Vielleicht war der Zeitpunkt, so kurz vor Saisonbeginn, etwas ungünstig gewählt, möglicherweise ist es auch einfach nur notwendig, dass man sich mit den Gepflogenheiten in Polen etwas genauer vertraut macht und einfach einige Unannehmlichkeiten nicht so ernst nimmt. Leider gibt es nicht viele Möglichkeiten, sich im Vorwege über die Strecke zu informieren. Auch Kartenmaterial ist kaum vorhanden. Das wichtigste Resümee allerdings lautet: man sollte kein Schisser sein. Es ist nicht wirklich gefährlich. Es ist vielleicht manchmal nervig und man fährt sich immer wieder fest, aber eigentlich kann nichts passieren, denn es handelt sich ja nur um Sand und Modder. Ich zumindest bin jedes Mal wieder freigekommen und das Schiff ist auch heil geblieben. Deshalb habe ich diesen kleinen Bericht geschrieben, um meine Erfahrungen nieder zuschreiben und Nachahmern die Angst zu nehmen. Falls jemand den Plan hat, eine ähnliche Tour zu machen, kann er oder Sie sich gerne an mich wenden. Ich werde versuchen etwaige Informationslücken zu schließen, die vielleicht noch bestehen. Meine Telefonnummer und meine E-Mail-Adresse können Sie bei KUHNLE-TOURS erfragen. Nur zu, traut euch.

Karsten Drewes