Bootsurlaub auf Rädern

Bootsurlaub auf Rädern

von Adina und Timo Hermann

Deutlich später als geplant starten wir den Motor und fahren los. Das Verstauen unseres Gepäcks im Auto ist eigentlich Routine, dauert dieses Mal aber unerwartet lange. Denn jetzt kommen da noch die Küchenutensilien-Box sowie Taschen mit Arbeitshandschuhen, Fernglas, Anti-Mücken-Kerzen und sonstigen eher ungewöhnlichen Gegenständen hinzu. Von Berlin aus dauert die Autofahrt nach Zehdenick rund eine Stunde. Allerdings wollen wir zunächst einen Abstecher in den Ziegeleipark Mildenberg machen, den wir schon seit langem auf unserer Liste der interessanten Ausflugsziele haben.

 

Zwischenstopp im Ziegeleipark Mildenberg

Auf Rädern und Rollen in die Backsteinwelt

Der Ziegeleipark ist ein Industriedenkmal mit alten Ziegelei-Hütten, durch die ein interaktiver Rundgang führt, und einer Schmalspurbahn, mit der Besucher über das weitläufige alte Areal chauffiert werden. Auf dem Gelände stehen viele alte Gebäude, die es zu entdecken gilt. Wir beginnen unseren Rundgang und stellen erstaunt fest, dass selbst alte Industriedenkmäler durchaus rollstuhlgerecht gestaltet werden können: Über Spalten führen Rampen, die Wege sind verhältnismäßig eben, und die Breite reicht für die meisten Rollstühle auch locker aus. In den Film am Eingang schauen wir aus Zeitgründen nur fünf Minuten rein, wir haben insgesamt nur zwei Stunden Zeit und noch viel zu entdecken.

Wir marschieren vorbei an alten Maschinen und Förderbändern, haben den Geruch des Tons und der gigantischen Brennöfen noch in der Nase (was muss das für eine irrsinnige Hitze hier in den Räumen gewesen sein!) und lassen uns an den vielen Infosäulen von den ehemaligen Mitarbeitern die einzelnen Abschnitte der Ziegelproduktion erklären. Besonders beeindruckt uns hier, wie liebevoll die Produktion durch Licht- und Soundeffekte belebt wird – fast ist es, als wären wir selbst Arbeiter der Fabrik.

Anschließend geht es mit der Bahn „Thomas”, die laut unseres Führers heute wohl einen guten Tag hat (was nicht immer der Fall ist) über das Gelände. Mit Rampen kommen Rollstuhlfahrer auf den Wagen und können so bequem an der Rundfahrt teilnehmen. Während einer 45-minütigen Fahrt geht es hier in das größte europäische Tonstichgebiet, in dem vor allem während des Baubooms zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg massenhaft Ziegel für Berlin gebrannt wurden, begleitet von einem Museumsführer, der an sehenswerten Punkten anhält und mit launigen Erklärungen für Kurzweil sorgt.

Lorenbahnfahrt im Ziegeleipark Mildenberg: Kleiner Boxenstopp, bevor es richtig losgeht!

Nach der Rundfahrt basteln wir uns noch schnell zwei Mini-Ziegel als Andenken und begeben uns zurück zum Auto. Die Sonne lacht, und es verspricht ein warmes und spannendes Wochenende zu werden. Denn: um 15 Uhr werden wir in der Marina Zehdenick erwartet, um unser Hausboot für die kommenden sieben Tage in Empfang zu nehmen! Auf den ersten Blick scheint dieses Unterfangen bei der Planung ja beinahe banal: ein Hausboot, und das in einer Region, in der wir regelmäßig unterwegs sind. Bei der genaueren Törnplanung wurde es dann aber spannend: da waren doch einige Gebiete dabei, die wir tatsächlich noch nie besucht haben – schon gar nicht vom Wasser aus. So fahren wir voller Erwartungen nach Zehdenick.

Langsam wird mir aber doch etwas mulmig: Ich Süßwassermatrose soll mit einem knapp zwölf Meter langen Boot die Havel hochschippern? Als wir endlich ankommen und ich zum ersten Mal vor dem Boot stehe, ist mir nicht mehr mulmig. Ich mache mir fast in die Hose! Zwölf Meter sind groß. Verdammt groß. Und auch der alte Hafenmeister, der uns einweisen soll (ohne Bootsführerschein gibt es erst eine dreistündige Einweisung in das Leben auf Wasser, inklusive Regeln, Verkehrszeichen, Fahrphysik und dergleichen sowie eine praktische Fahrstunde) blickt skeptisch vom Boot auf mich und meine rollstuhlfahrende Gattin. Schließlich entlässt er uns aber doch in die Freiheit – wir schleppen unsere Tonnen an Gepäck an Bord, lösen die Leinen und fahren mit schlotternden Knien im Schleichtempo los. Das erste Tagesziel ist aus gutem Grund nicht weit – es geht schon wieder nach Mildenberg, gerade einmal fünf Kilometer die OHW (die Obere Havel-Wasserstraße) hinauf.

 

Tag 1 – Marina Zehdenick nach Mildenberg

Walzertanz im Hafenbecken und Crewverstärkung
Täuschend ruhig? Die Reise geht los und sie verspricht aufregend zu werden!

18:00 Uhr: Unser Abenteuer beginnt. Wir sind auf uns allein gestellt und lernen unser Hausboot „Phila”, ein rollstuhlgerechtes Febomobil 1180, allmählich kennen – die Fahreigenschaften sind für Autofahrer erst einmal gewöhnungsbedürftig, denn hier funktioniert alles viel langsamer und indirekter. Die Oberhavel schlängelt sich hier in angenehmer Breite Richtung Berlin, und dank des Niedrigwassers (rund 20 Zentimeter unter Normalpegel nach dem trockenen Sommer) fällt auch die Strömung, gegen die wir anfahren, eher gering aus. An wunderschönen Seerosenfeldern vorbei tuckern wir langsam in Schlangenlinien (so ein Boot ist unglaublich schnell übersteuert, solange der Skipper nicht seine hektischen Autofahrer-Manieren ablegt!) flussaufwärts.

19:30 Uhr Schließlich sichten wir die Hafeneinfahrt zum Neuen Hafen Mildenberg, den wir links liegen lassen, verringern unsere Fahrt und steuern gleich danach die Einfahrt zum Alten Hafen an. Auf der linken Seite haben wir schnell eine Box ausgemacht, in der wir rückwärts anlegen wollen, vergessen im selben Moment aber alles, was wir über Anlegemanöver gelernt haben. So folgt ein für die zahlreichen Zuschauer wohl amüsanter viertelstündiger Walzertanz im Hafenbecken, bis sich schließlich zwei andere Skipper unserer erbarmen und uns sicher in die Box manövrieren. Wie peinlich … Und gleich nach dem Anlegen werden wir uns des zweiten Anfängerfehlers bewusst, der uns hier unterlaufen ist: Die seitlichen Schwimmstege sind nicht nur viel zu schmal für Adinas Rollstuhl, sondern auch viel zu kurz. Sie reichen nicht annähernd an die Badeplattform heran, wo Adina hätte von Bord gehen können. Der Weg über das Heck scheidet aus, weil der Durchgang hinten für Rollstuhlfahrer zu eng ist – für Rollstuhlfahrer ist der vordere Ausgang gedacht, das lässt sich konstruktionsbedingt anders auch kaum lösen. Lektion 1, die wir an diesem Abend lernen: Nur vorwärts oder seitlich anlegen, und Lektion 2: Dringend noch einmal die Theorie über Anlegen büffeln … mit gesenktem Haupt und leicht angekratztem Ego marschiere ich zum Hafenbüro und melde uns an.

Platz haben wir genug, da muss auch Adina ran!

Schließlich richten wir uns in unserem komfortablen, neuen Zuhause für die kommenden sieben Tage gemütlich ein, beginnen zu kochen und freuen uns auf unsere Freunde aus Hamburg, die bereits auf dem Weg zu uns sind, um uns die kommenden beiden Tage zu begleiten. Erfreuliches Detail: Das Spülbecken ist unterfahrbar, und auch die Schubladen sind leichtgängig. Perfekt, Adina kann den Abwasch übernehmen! Pünktlich zum Essen treffen unsere Freunde auch ein und die Aufregung der vergangenen Stunden erscheint bei Pasta und Wein gleich in einem ganz anderen Licht. Es gibt viel zu erzählen, und so fallen wir schließlich erst spät in die Betten.

Betten gibt es übrigens insgesamt bis zu sieben auf unserem Hausboot: Das Febomobil 1180 verfügt hinten über ein Schlafzimmer mit Doppelbett, ein darüber gelegenes Einzel-Etagenbett und eine kleine Sanitärkabine mit Waschbecken, Duschwanne und Toilette. Dieser Bereich ist für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich, für die gibt es vom Gang abgehend eine rollstuhlgerechte Schlafkabine mit Doppelbett und Schrank, daneben zwischen Schlafkabine und Salon/Küche ein größeres Badezimmer mit berollbarer Dusche (Achtung, die Therme an Bord hat keine Kapazitäten für endlose Duschorgien…), unterfahrbarem Waschbecken und Toilette mit Haltegriff. Zudem liefert Kuhnle-Tours neben einer klappbaren Rampe auch zwei Haltegriffe zur individuellen Anbringung mit, wenn das Boot von Rollstuhlfahrern gebucht wird. Das Sofa in der Lounge lässt sich ausklappen und zu einem Doppelbett umbauen. Die Küchenzeile ist neben einem dreiflammigen Gasherd mit Kühlschrank, Geschirr, allen wichtigen Kochutensilien und sogar Backofen ausgestattet – lediglich Verbrauchsmaterial, Gewürze und Co müssen Urlauber naturgemäß selbst mitbringen.

 

Tag 2 – Mildenberg nach Himmelpfort

Fernglas mitnehmen lohnt sich! Wir sichten einen Eisvogel!

9:00 Uhr Wir wollen nach einer kurzen, aber sehr angenehmen Nacht heute einigermaßen zeitnah ablegen, denn uns steht gleich am zweiten Tag die längste Etappe unserer Reise bevor. Mehr als 30 Kilometer sind es von Mildenberg bis in den Stolpsee, dabei dürfen wir auch gleich an vier Schleusen zeigen, was wir können (oder auch nicht). Zumindest können wir vier uns heute am Ruder abwechseln, was die Fahrt gleich viel entspannter macht, und wir trauen uns nach zwei Stunden auch, den Gashebel langsam Richtung volle Fahrt zu schieben, was uns auf immerhin 8 km/h beschleunigt. 15 PS sind bei führerscheinfreien Booten eben die Grenze, für die zulässigen 9 km/h auf den meisten Binnengewässern aber auch grundsätzlich ausreichend.

Zwischendurch sind dabei allerdings diverse Stopps zum Fotografieren fällig, denn die Natur hier ist unvergleichlich schön und unberührt: Wir fahren vorbei an unzähligen Graureihern, an einer Ziegenherde, die am Rande des Kanals zur Begrüßung blökt, und gleich zweimal haben wir das unglaublich seltene Glück, Eisvögel zu sehen! Diese wunderschönen kleinen blaugefiederten Kerlchen sind leider wahnsinnig schnell – zu schnell für all unsere Kameras. So bleibt lediglich ein Foto mit einem verschwommenen blau-metallic-farbenen Punkt in der Mitte, von dem wir allein wissen: Das war ein Eisvogel!

Die Navigation fällt währenddessen schwierig aus – Standortbestimmung via Google Maps scheitert regelmäßig daran, dass sämtliche Smartphones uns ein stumm-vorwurfsvolles “Kein Netz” anzeigen. Soviel also zum Netzausbau. Das entschleunigt wunderbar, ist aber nur so semi-optimal, wenn man zwischendurch Fotos oder Statusberichte posten möchte. Wir verlassen uns also auf Wasserkarten, Schilder und unser Gefühl.

Schließlich kommt nach einer Gabelung die erste Schleuse zum Vorschein, die Schleuse Schorfheide. Ein Blick durch das Fernglas (das zum unverzichtbaren Begleiter geworden ist!) zeigt: Grün! Die Schleuse ist offen, die Boote darin warten auf uns! So lässt es sich natürlich elegant direkt einfahren, ohne vorherige An- und Ablegemanöver. Im Schneckentempo schieben wir uns in die Schleuse, werfen die Leinen über die Poller und das Tor schließt sich hinter uns. Nach rund zehn Minuten befinden wir uns einen knappen Meter höher auf der Havel und laufen wieder aus. An den kommenden drei Schleusen haben wir nicht dasselbe Glück, hier ist jeweils Anlegen und Warten angesagt, und wir lernen schon jetzt, dass die Geschwindigkeit auf dem Wasser völlig anders ist, als man es als Autofahrer gewöhnt ist. Wir lernen langsam, unsere Ungeduld zu senken und die Vorzüge anzunehmen: Gemütlich dahintuckern, die Natur in aller Ruhe beobachten, und für egal welche Entscheidung ausreichend Zeit zu haben, selbst wenn uns ein dicker Pott entgegenkommt und wir gerade wieder einmal eher am linken Ufer entlang kriechen. Bis wir uns begegnen, haben längst alle ihre richtige Spur gefunden.

Inzwischen weitet sich die Havel zu einer breiten Mündung, und wir sind auf dem Stolpsee angekommen. Schön ist es hier! Wir halten uns rechts, weil wir am Stolpsee Bootshaus anlegen wollen, und bei Sicht rufe ich den Hafenmeister an, um sicherzugehen, dass er noch ein Plätzchen für uns frei hat.

 

17:00 Uhr Der Hafenmeister hat uns bereits durchs Fernglas erspäht. “Ihr seid det weiße große Ding da, oder? Dann gleich außen links festmachen, bloß nich rin!”, lautet seine Anweisung, der wir natürlich gern Folge leisten. Am Anleger wartet er bereits auf uns, begrüßt uns freundlich und macht uns fest. Er erklärt, dass er große Hausboote, Flöße, Caravan-Boote und dergleichen lieber gleich außen festmacht, weil der Abstand zwischen den Stegen eher klein ist und Anlegemanöver so schnell teuer werden können. Wir sind damit völlig zufrieden: Wir liegen seitwärts an einer Position, wo wir morgen locker wegkommen, der Schwimmsteg ist genau auf Höhe des Bootes, sodass Adina sogar ohne Rampe von Bord kommt. Das Sahnehäubchen: Der freie Ausblick auf den See ist fantastisch. Also alles super! Die Marina ist sauber und gepflegt, auch wenn es leider keine Sanitäreinrichtungen für Rollstuhlfahrer gibt. Egal, haben wir ja an Bord.

Weil die Mägen durchweg knurren, schlendern wir in das Örtchen Himmelpfort, wo sich neben einem alten Zisterzienserkloster auch ein Weihnachtspostamt befindet. Schließlich stehen wir an der Schleuse, die von Booten Richtung Lychen passiert werden muss, und ertappen uns dabei, dass wir uns plötzlich genauso über die Skipper darin lustig machen wir jene Zaungäste, die an unseren vergangenen Schleusen standen. Vielleicht also eine Art Ventil, um das eigene Unvermögen zu schmälern? Wer weiß. Der Hunger überwiegt der Schaulust, und wir lassen uns im nächstgelegenen Restaurant nieder, fallen über unser Essen her und marschieren anschließend satt und zufrieden zurück aufs Boot.

 

Tag 3 – Himmelpfort nach Fürstenberg/Havel

Verpflegung für Jedermann!

 

11:00 Uhr Wir genießen ein ausgiebiges Frühstück, zu dem sich auch diverse Schwäne gesellen – wohl in der Hoffnung, etwas abzubekommen (was natürlich funktioniert hat – bemerkenswert ist allerdings die Dreistigkeit dieser Schwäne, die selbst beim Füttern noch den Futterspender zwischen den einzelnen Portionen anfauchen). Dann legen wir in aller Ruhe ab. Es ist ein wunderschöner sonniger, heißer Spätsommertag, und wir haben die zweitkürzeste Etappe des Törns vor uns: Nach Fürstenberg sind es gerade einmal fünf Kilometer über Stolpsee und Havel. Heute übernimmt Adina das Ruder, schließlich legen die Erbauer von der Kuhnle Werft Wert darauf, dass auch Rollstuhlfahrer das Boot problemlos steuern können. Und tatsächlich: Meine Gattin, die keinen Auto-Führerschein besitzt, kann dieses riesige Boot ohne Schwierigkeiten steuern, nur mit dem etwas groben Gashebel tut sie sich etwas schwer. Souverän steuert sie dann gleich mal über den weiten See und den Havelkanal bis in den Schwedtsee, wo wir uns steuerbord halten, anstatt direkt auf Fürstenberg zu zulaufen. Unsere Begleitcrew verlässt uns leider schon heute Abend, und wir wollen den vielleicht letzten warmen Sommertag des Jahres ausnutzen. Also steuern wir in den kleineren Zipfel des Schwedtsees. Hier am Nordost-Ufer des Sees liegt die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück, die mahnend an die dunklen Kapitel deutscher Vergangenheit erinnert.

Am Rande des Sees finden wir schließlich ein ruhiges Plätzchen, stoppen auf, drehen den Bug in den Wind und lassen den Anker fallen. Noch schnell in die Badehose und die Badeleiter ausklappen, und zumindest die männlichen Crewmitglieder springen ins Wasser. Die Frauen plaudern gemütlich an Deck. Lange halten wir es im Wasser allerdings nicht aus, da es durch die nächtlichen Temperaturen bereits ordentlich abgekühlt ist, ich wärme mich auf dem Sonnendeck des Daches wieder auf.

Brücke in Fürstenberg: Das ersehnte Ziel ist in Sicht.

15:00 Uhr Nach ein paar Stunden Dümpeln brechen wir schließlich auf Richtung Hafen. Wir suchen uns am Stadtanleger Fürstenberg einen gemütlichen Liegeplatz, machen das Boot fest und wandern den kurzen Weg in die Stadt, um Fürstenberg anzusehen. In Fürstenberg gibt es nebeneinander gleich zwei Anleger, von denen allerdings beide einen kleinen Haken für Rollstuhlfahrer aufweisen: Der Yachtclub verfügt über ein Restaurant, ebenerdige Wege und rollstuhlgerechte Sanitäranlagen. Links davon, getrennt durch einen kleinen Fluss, die Iserdiek, liegt der Stadtanleger. Über die Iserdiek führt eine Brücke mit insgesamt jeweils fünf Stufen, ebenerdig sind die beiden Häfen trotz direkter Lage nebeneinander nur durch einen langen Feldweg zum Parkplatz des Yachtclubs verbunden. Wer nur im Hafen bleiben möchte, für den ist als Rollstuhlfahrer der Yachtclub die bessere Wahl, wer aber die Stadt anschauen möchte (wo es auch reichlich Restaurants gibt) und über Sanitäranlagen an Bord sowie eine mobile Rampe für die Stufe am Ende des Stegs verfügt, ist am Stadtanleger besser aufgehoben…

 

Wir lassen uns durch die Stufen der Brücke nicht aufhalten und gönnen uns schließlich ein Abschieds-Abendessen im Restaurant des Yachtclubs, um danach Abschied von unseren Freunden zu nehmen. Mit mulmigem Gefühl sitzen wir danach an Bord und sehen uns unsicher an: Zu zweit weiter? Die ganze Strecke, noch ganze sieben Schleusen? Wir trösteten uns mit Wein und einer guten Lektüre und halfen nebenbei einer ganz frischen Hausboot-Crew beim Anlegen. Das ist übrigens eine Selbstverständlichkeit im Wassersport, die uns tief beeindruckt hat: Jeder hilft dem anderen. Laufe ich in einen Hafen ein, steht meist ein Skipper auf und nimmt meine Leine entgegen, um mich festzumachen. Stehe ich an einer Schleuse und muss dort festmachen, genau dasselbe. Man ist freundlich und höflich, grüßt sich untereinander, tauscht sich aus und macht sich Mut, denn jeder kann auf dem Wasser irgendwann in Not geraten und dann dringend auf fremde Hilfe angewiesen sein. Eine Erfahrung, die uns nach wie vor prägt: Diese allgegenwärtige, selbstverständliche Hilfsbereitschaft war ganz anders als im Alltag – und das in Zeiten, in denen nicht selten Ellenbogen, Wut und Egoismus an der Tagesordnung sind.

 

Tag 4 – Fürstenberg nach Wolfsbruch

Schleusen zu zweit: Kein Erbarmen, anpacken ist angesagt!

 

8:30 Uhr Habe ich mich bei der Tourplanung übernommen? Wie komme ich durch die Schleuse, wenn Adina steuert – wer führt die Leine am Heck? Mit solchen und anderen Gedanken im Kopf löse ich die Achterleinen, starte den Motor und löse nacheinander auch die Leinen am Bug. Es wird ernst: Wir sind nur noch zu zweit, und haben heute über 20 Kilometer und weitere vier Schleusen vor uns. Nach kurzer Fahrt erreichen wir auch schon die Schleuse Fürstenberg: Rot! Und kein Anlegeplatz mehr frei. Ich stoppe auf und halte mich hinter einem weiteren Boot, das bereits vor dem Wartebereich kreuzt. Schließlich sind alle Boote, die gerade abwärts geschleust wurden, aus der Schleuse raus, das Zeichen springt auf grün, und es wird ernst. Langsam steuere ich mit zitternden Knien in die Schleusenkammer, komme nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an den richtigen Platz und werfe die Bugleine über den Poller. Die Crew eines nachfolgenden Bootes, das keinen Platz mehr in der Schleuse findet, übernimmt auf meine Bitte hin die Achterleine. Geht doch! Jetzt nur noch unbeschadet aus der Schleuse rauskommen… wir danken unseren Helfern, legen ab und gleiten als letztes Boot erstaunlich präzise aus der Schleusenkammer. Da scheint “Phila” ordentlich mitgeholfen zu haben, an meinen Qualitäten als Einsteigerskipper kann das nicht allein gelegen haben! Aber zugegeben: Mit ein wenig Übung ist das Boot ganz gut manövrierbar, auch dank Bugstrahlruder. So fasse ich neuen Mut, und wir schippern langsam durch ein ganzes Labyrinth aus Seen und Kanälen. Manche Seen streifen wir heute nur, manche müssen wir komplett durchfahren, manche Kanäle sind eng und kurvig, manche breiter. Die Zeit schreitet voran und wir gewinnen beide an Sicherheit. Auch die beiden nächsten Schleusen meistern wir dank Hilfe von netten anderen Bootsurlaubern problemlos. Wir genießen nun zunehmend unbeschwert die Natur, das Wasser und den leicht auffrischenden Wind. Ohne Jacke geht es heute allerdings nicht mehr, über Nacht sind die Temperaturen deutlich abgesunken. Die Sonne versteckt sich größtenteils, gelegentlich nieselt es ein wenig. Vergangene Woche sah die Wettervorhersage eigentlich noch viel positiver aus, aber hey, wir sind Naturmenschen. Sonne und Strand kann jeder!

 

16:00 Uhr In der Schleuse Wolfsbruch merke ich dann aber doch die fortgeschrittene Fahrzeit, die an meiner Konzentration geknabbert hat: Es geht abwärts in die Rheinsberger Gewässer und ich habe nichts besseres zu tun, als reflexartig meine Leine festzumachen. Vom Boot vor uns kommt ein Schrei: “Hey, nicht belegen!!!” – ich schrecke auf, löse den Knoten und stelle mir gerade vor, wie ich einen Notstopp auslösen muss, weil ich mein Boot am Poller aufgehängt habe – ups! Gerade noch rechtzeitig bekomme ich meinen (seemännisch völlig korrekten, aber leider unangebrachten) Knoten wieder auf. Ich spüre, dass es Zeit wird, die Füße hochzulegen.

Können wir auch kurze Zeit später: Nur 500 Meter hinter der Schleuse liegt die Marina Wolfsbruch, in der wir übernachten wollen. Die Einfahrt ist eine Herausforderung, geht im rechten Winkel backbord vom Kanal ab, aber wir bugsieren “Phila” mehr oder weniger elegant hindurch und machen seitlich an der Mauer hinter einer Hamburger Chartercrew fest. Leider hat hier das Niedrigwasser voll zugeschlagen: Wir liegen rund 50 Zentimeter unter dem Niveau der Hafenmauer. Keine Chance, hier mit Rollstuhl von Bord zu kommen. Später entpuppt sich das allerdings auch als geringer Verlust, denn außer einem Resort mit Hotel, Ferienhäusern, dem Hafen und zwei Restaurants gibt es hier nichts. Wirklich nichts. So bleibt uns mehr Zeit, mit unseren Nachbarn zu klönen (schließlich haben wir selbst mehrere Jahre in Hamburg gelebt), ein leckeres Risotto mit gebratener Chorizo zu köcheln und uns auszuruhen.

 

Tag 5 – Wolfsbruch nach Rheinsberg

Marina Wolfsbruch: Adina muss unten bleiben, weil die Kombi aus niedrigem Wasserstand und hoher Spundwand nicht zu überwinden ist.

Unsere Nachbarn reichen uns ihre Kaffeemaschine über Bord mit der Bitte, ihnen Strom zu spendieren. Die Elektrik ihres Bootes (von einem anderen Charterunternehmen) hat den Geist aufgegeben, und natürlich helfen wir da gerne aus – morgens ohne Kaffee verstößt ja schließlich gegen Menschenrechte! Zehn Minuten später wechseln Maschine und volle Kanne wieder den Besitzer, und wir planen den Tag: Gegen 10:00 Uhr wollen wir ablegen, um gegen Mittag in Rheinsberg zu sein, wo wir verabredet sind. Der Wind hat indes andere Pläne: Über Nacht hat er deutlich aufgefrischt und steht nun senkrecht auf unserem Boot. Unseren ersten Ablegeversuch quittiert “Phila” mit einem leisen Ächzen der Fender, als eine Böe uns prompt wieder gegen den Anleger drückt. “Hiergeblieben!”, scheint der Wind zu sagen. Langsam ahnen wir, dass aus unserem Mittagstermin nichts wird. Also machen wir wieder fest, beobachten das Wetter und starten eine Stunde später einen neuen Versuch.

 

 

11:00 Uhr Diesmal sind wir erfolgreicher, kommen aber nicht ohne diverse unsanfte Berührungen der Hafenmauer aus (die “Phila” uns glücklicherweise nicht weiter übel nimmt), nachdem wir es geschafft haben, im fast leeren Hafenbecken zu drehen. Schnell wird uns nun auch klar, warum die Empfehlung lautete, ab Windstärke 4 (etwa 20km/h, wenn sich Äste im Wind bewegen) einen Hafentag einzulegen. Dem gegenüber stehen aber unsere Zeitplanung und die unglückliche Situation im Hafen, die Adina auf das Boot verbannt, so versuchen wir dennoch unser Glück. In den Kanälen gibt es reichlich Strömungen, die viel Steuerarbeit verlangen, auf den Seen müssen wir schließlich kreuzen, um überhaupt noch voran zu kommen – das Boot steht mit seiner großen Fläche natürlich wie ein Segel im Wind.

 

14:30 Uhr Wir schaffen es schließlich, im Rheinsberger Stadthafen ein Liegeplätzchen zu ergattern, wo wir unseren Besucher empfangen können. Auch wenn wir einigermaßen erschöpft sind, sind wir insgeheim auch ein wenig stolz auf uns und fühlen uns schon beinahe wie gestandene Seeleute. Fast als hätten wir Orkane auf rauer See und den Angriff eines Riesenkraken überlebt! Auf jeden Fall genug Material für die ein oder andere Erzählung mit ein wenig Seemansgarn… Nachdem wir uns erholt haben, schlendern wir ein wenig durch Rheinsberg. Wir freuen uns, dass hier nicht zuletzt dank des barrierefreien Seehotel Rheinsberg schon wirklich viel in Richtung Barrierefreiheit getan wurde und erkunden das Schloss von außen – währenddessen wird uns als Kulisse ein wirklich spektakulärer Sonnenuntergang geboten (wo war die Sonne eigentlich den ganzen Tag?!). Im nahegelegenen Supermarkt füllen wir unsere geschrumpften Reserven auf und lassen uns anschließend in einem nahegelegenen Restaurant bewirten.

 

Tag 6 – Rheinsberg nach Canow

 

10:00 Uhr Endlich: Der Wind hat nachgelassen. Es ist immer noch böig und windig, aber lange nicht so stark wie gestern. Also heisst es wieder “Leinen los!”, und wir können voll in unserem Tourplan bleiben. Das heutige Ziel ist rund 15 Kilometer entfernt, es ist der Anleger Albertinenlust am Canower See, direkt an der Schleuse. An der Schleuse Wolfsbruch treffen wir wieder auf alte Bekannte und weil es hier irgendwie immer etwas länger zu dauern scheint (warum auch immer – die Schleuse macht gerade einmal 40 Zentimeter Hub und benötigt dafür gefühlte Ewigkeiten), plauschen wir mit anderen Crews, zeigen unser großzügig geschnittenes Boot neugierigen Skippern und können schließlich in die Kammer einlaufen.

Familienausflug zum Außenborder: unerwarteter Besuch von reizenden Gästen

Als wir den Kanal verlassen und über den Kleinen Pälitzsee schippern, stellen sich uns plötzlich einige Wegelagerer ins Fahrwasser: Eine Schwanenfamilie schwimmt dreist auf uns zu! Zwar haben sie keine Piratenflagge gehisst, ihre Absichten sind aber eindeutig, also stoppen wir auf und spendieren unser altes Brot, das von den Schwänen samt grauen Jungschwänen mehr oder weniger dankbar in Empfang genommen wird.

 

13:00 Uhr Nach Abschluss der Raubtierfütterung nehmen wir wieder Kurs auf Canow, wo wir mit dem bisher elegantesten Anlegemanöver am Steg festmachen. Übung macht den Meister! Zwar ist hier nichts so richtig barrierefrei und der Weg vom Steg endet auf einer Wiese, wo es recht steil über sandig-erdige Fahrspuren nach oben zur Straße geht, aber schließlich wollen wir diesen Ort doch erkunden. Obwohl wir die Region gut kennen, ist Canow bislang ein weißer Fleck auf unserer Karte. Wir sind sehr erstaunt, in dem Dorf mit 140 Einwohnern (laut Hafenmeister) gleich vier Restaurants, zwei Hotels, einen Fischer und einen Tante-Emma-Laden neben der Schleuse vorzufinden. Den Fischer haben wir für morgen eingeplant, dazu später mehr. Sogar Bootszubehör und maritime Deko finden sich hier an der Albertinenlust! Im Hochsommer tummeln sich hier locker 800 Menschen pro Tag, erzählt uns der Hafenmeister – viele Wassersportler, Paddler, Angler, dank der Lage zwischen zwei Seen. Und die idyllische Ruhe ist einmalig: Nur ein weiterer Gastlieger hat sich hierher verirrt, obwohl der Anleger direkt neben der Schleuse liegt. So genießen wir einen unglaublich ruhigen Abend am Steg, mit Blick auf den Schilfgürtel und schlafen schnell und tief, um uns für die vorletzte Etappe zu rüsten.

 

Tag 7 – Canow nach Mirow

So frei wie die Schwalben, sind auch wir auf der Phila.

7:00 Uhr Ich wache von selbst auf und schaue aus dem Fenster: Wir sind von Schwalben-Schwärmen umgeben! Überall sammeln sie sich, was angesichts des nun doch recht herbstlichen Wetters kein Wunder ist. Ein Blick auf den See und zur Schleuse: Es ist gar nichts los. Herrlich, also Ausspannen und gemütlich frühstücken vor dem Ablegen. Schließlich haben wir nur noch eine Etappe von 13 Kilometern bis Mirow vor uns – ein Klacks im Vergleich zu den bisherigen Strecken! Dass sich das bald als Trugschluss herausstellt, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

10:00 Uhr Stau an der Schleuse, auf dem See, und dann drückt sich noch ein Fahrgastschiff an der Schlange vorbei. Na großartig, zu lange gewartet. Also noch etwas warten, schließlich ist gerade Pause in der Schleuse. Die Schlange wird schon wieder kürzer.

Mit großer Zuversicht der feindlichen Schleuse entgegen, bereit für alles was einen dort erwarten könnte.

10:45 Uhr Ich gebe auf. Die Schlange wird nicht kürzer. Am Anleger vor der Schleuse dürften sechs oder sieben Boote liegen, auf dem See stehen vier Boote. Wir legen seufzend ab und reihen uns ein, rücken etappenweise vor. “Timo, komm ran! Da passt ihr noch hin!” – erstaunt blicke ich zur Wartestelle und erkenne unsere Nachbarn aus Wolfsbruch wieder, die wir mit Kaffee-Notstrom versorgt hatten. Tatsächlich passt “Phila” gerade so noch an die Wartestelle, und wir können endlich anlegen. Die Wiedersehensfreude ist groß, bald trudelt aber eine Nachricht von vorne ein: Mittagspause! Echt jetzt?! Die Schlange vor der Schleuse wird immer größer, und der Schleusenwärter macht Pause? Okay okay, wir wollten ja entschleunigen… also fügen wir uns und richten uns mit anderen Bootsurlaubern einigermaßen gemütlich auf dem Grünstreifen im Wartebereich ein.

 

12:30 Uhr Wir sind keinen Meter vorangekommen. Die Pause (die wohl vorgeschrieben ist, ob der Wärter möchte oder nicht) ist längst vorbei. Der Buschfunk entlang der Wartezone verrät: Ein Defekt, da sind Mechaniker an den Schleusentoren zugange. Na klasse. Eigentlich wollten wir in einer Stunde in Mirow anlegen. Das war wohl nix…Wenigstens haben wir eine nette Wartegemeinschaft.

 

13:30 Uhr Was lange währt: Nach rund drei Stunden Wartezeit und mit ebenso langer Verspätung im Zeitplan verlassen wir endlich die Schleuse. Hinter dem Kanal steuern wir hart steuerbord, denn hier findet sich – genau: ein Anleger beim Fischer! Wir haben in den letzten vier Stunden noch keine zehn Minuten Fahrt gemacht und machen bereits wieder fest, um eines der wärmstens empfohlenen Fischbrötchen vom Canower Fischer zu ergattern. Und die Empfehlung war berechtigt: Der frische, mild geräucherte Saibling im Brötchen war ein Gedicht! Auf dem Steg haben wir den See, das Boot und auch die Möwen gut im Blick, um nicht am Ende noch Opfer einer Mundraub-Attacke aus der Luft zu werden. Gut gestärkt legen wir ab und machen uns auf zu unserer letzten Schleuse.

Nach all dem Warten an der Schleuse haben wir uns einen leckeren Snack für Zwischendurch redlich verdient.

14:30 Uhr “Backbord hatte ich eigentlich gesagt”, knurrt mich die offenbar leicht entnervte Schleusenwärterin an, als ich steuerbord die Vorleine über den Poller werfe. Der Österreicher, den wir in Canow kennen gelernt hatten und den ich für die Schleuse zur Führung der Achterleine mit an Bord genommen habe (Danke nochmal!), hat indes backboard festgemacht. “Phila” liegt jetzt zwar absurd quer in der Schleuse, aber immerhin sind wir der Aufforderung der Wärterin so halb nachgekommen. Unseren Abschiedsgruß erwidert sie auch nicht mehr, wir lassen unseren Helfer dankbar von Bord gehen und verlassen nun die letzte Schleuse Richtung Mirow.

 

16:30 Uhr Klar: wir sind zu spät dran. An der Schlossinsel finden wir keinen freien Liegeplatz mehr (warum musste ich diesen Anleger an der Schleuse auch wirklich allen empfehlen??). Wir fahren weiter über den See zum Strandrestaurant, wo noch genügend freie Liegeplätze vorhanden sind. Unsere österreichischen Freunde haben uns offenbar verfolgt und machen zwei Plätze weiter fest. Leider ist der Platz etwas entlegen vom Mirower Stadtzentrum, das eigentlich wirklich wunderschön ist, und der Weg extrem steil. So verzichten wir auf einen Ausflug zur Schlossinsel, der sonst eigentlich zum Pflichtprogramm gehört (die wir aber wegen Adinas Familie ohnehin bestens kennen), kochen gemütlich, und beginnen dann mit dem unangenehmen Teil: dem Packen.

Morgen früh endet unser Törn im drei Kilometer entfernten Granzow und wir werden etwas wehmütig angesichts all der Erinnerungen und der tollen Erlebnisse. Wir lassen unsere Fahrt ein wenig Revue passieren: Die anfängliche Angst vor den Schleusen und dem Wind kam uns nun völlig albern vor, diese Angst hatten wir wohl unterwegs von Bord geworfen Wir erinnern uns an all die netten Menschen, die wir überall kennenlernen durften. An die Hilfsbereitschaft auf dem Wasser, die beispiellos ist – an wirklich jedem Ort. An die wunderbaren Blicke in die Natur, die uns sonst an Land verwehrt bleiben, all die schönen Orte, die Graureiher und die Eisvögel. Ja, es war ein ganz anderer Urlaub als sonst. Ein Perspektivwechsel. Eine Neuentdeckung der Heimat, inklusive Anti-Stress-Kur. Und wir haben viel gelernt, haben viele Herausforderungen überwunden und sind nicht nur völlig entschleunigt und erholt, sondern auch gestärkt und gewachsen aus diesem Abenteuer herausgegangen. Es mag Leute geben, die denken, dass ein Hausboot-Urlaub wie Campen auf dem Wasser sei. Für uns war es jedoch viel aufregender, lehrreicher und voller Aha-Momente.

Seufz! Unser letzter Abend auf dem Febomobil „Phila“.

Tag 8 – Abschied von Phila

 

7:15 Uhr Fluchend stehe ich am Herd. Ich entzünde die Flamme, um Kaffeewasser zu kochen, und die winzige Flamme flackert kurz auf, um anschließend mit einem leisen vorwurfsvollen “Plopp” zu sterben. Pünktlich zum letzten Morgenkaffee ist offenbar das Gas alle. Wenn Ihr irgendetwas nicht erleben wollt, dann ist es Timo am frühen Morgen ohne Kaffee. Knurrend marschiere ich ins nahegelegene ins Hotel. “Coffee to go? Nee, wir ham keine Becher mehr!” – Wird ja immer besser. “Oh, doch!” – Geht doch. “Nee, einen Zehner kann ich nicht wechseln…” – Meine Nerven. “Oh, doch!” – Meine Güte, was für eine schwere Geburt. Endlich sind Timo und Kaffee vereint, und ich marschiere triumphierend zurück zum Boot, um Adina meine Beute zu präsentieren (und ausnahmsweise mit ihr zu teilen!).

 

8:00 Uhr Schön, wenigstens zum Abschied zeigt sich die Sonne doch nochmal. Im Sonnenaufgang drehen wir eine Ehrenrunde vor der Schlossinsel und drehen dann ab Richtung Granzow. Der See liegt spiegelglatt im sanften Sonnenlicht, und wortlos voller Erinnerungen wechseln wir uns am Ruder ab, um “Phila” zum letzten Tanz zu bitten.
Es ist schon verblüffend, wie in unserem Sprachgebrauch innerhalb einer Woche aus dem kalten “das Hausboot” ein zärtliches “unsere Phila” wurde.
Bald schon taucht der Anleger von Kuhnle-Tours auf und mit einer eleganten Drehung drücken wir “Phila” sanft in ihren Liegeplatz, um von ihr Abschied zu nehmen und von Bord zu gehen. Wehmütig packen wir zum Schluss unsere Küchenbox wieder zusammen, räumen unser Gepäck in den Wagen und ziehen ihn vom Steg, während der Hafenmeister bereits das Abwasser abpumpt und Frischwasser tankt. Auf Wiedersehen, Phila!

Ein schönes Andenken an die angenehme und erlebnisreiche Reise.

Fazit: Mit dem Hausboot barrierefrei unterwegs

Ein rollstuhlgerechtes Hausboot vereint die Idee, ein kuscheliges Nest mit auf die Reise zu nehmen, und den Wunsch, entspannt viele neue Orte zu entdecken, auf bestmögliche Weise. Und das, ohne dabei auf Komfort zu verzichten.

Wir haben uns anschließend mit der Pressesprecherin der Kuhnle-Group zusammengesetzt und unseren Törn diskutiert, viel gelacht und manche Anregung gegeben. Die Idee des Febomobil 1180 war von Anfang an, dass Rollstuhlfahrer nicht nur darauf sitzen können, sondern es auch selbst steuern. Das ist zumindest größtenteils machbar – je nach persönlichen Anforderungen. Menschen mit schwachen Muskeln werden sicher nicht das Boot an Land ziehen und festmachen, andere hingegen schon. Mit ein wenig Planung und Beratung können solche Punkte aber im Vorfeld schon geklärt werden, und dem Hausboot-Urlaub steht nichts im Wege. Auch ist den Anbietern durchaus bewusst, dass längst nicht jede Marina auf Rollstuhlfahrer eingerichtet ist. Dafür gibt es ein barrierearmes Bad, große Tanks für Frisch- und Abwasser, eine berollbare Dusche, modulare Hilfen wie Haltegriffe und Rampen, sowie extra viel Benzin mit an Bord. Bedingungslose Barrierefreiheit ist durch Marinas und andere Anleger nicht immer möglich, aber mit etwas Kompromissbereitschaft und praktischem Denken ist so ein wirklich unvergesslicher Urlaub gut machbar!

 

Über die Autoren: Adina und Timo Hermann sind Reiseblogger mit einem speziellen Schwerpunkt auf barrierefreies Reisen. Seit über zehn Jahren reisen sie gemeinsam, Adina als Rollstuhlfahrerin und Grafikerin, Timo als Ehemann, Fotograf und Autor. Auf Mobilista berichten sie von ihren Erlebnissen und geben ihre Erfahrungen weiter – objektiv, journalistisch aufbereitet, mit Praxistipps versehen. Dabei berichten sie sowohl aus der Perspektive des Rollstuhlfahrers als auch des Begleiters.

1000 mal passiert – und dran vorbeigefahren Oder: Wer war schon mal in den Wentow-Gewässern?

1000 mal passiert – und dran vorbeigefahren Oder: Wer war schon mal in den Wentow-Gewässern?

OHW-km 24.9: Abzweig der Wentow-Gewässer

 

20 Jahre schippere ich nun schon zwischen Elbe und Oder umher. Mein Mann noch länger. Immer noch gibt es Ecken, in denen wir noch nie gewesen sind. War da überhaupt schon mal ein Hausbooot? Ein Boot? Folgen Sie uns zu den Wentow-Gewässern!

Prolog im Büro

„Jetzt ist der Sommer vorbei und wir waren gar nicht Boot fahren!“

„Hä? Wir sind eine Woche von Zeuthen aus an der Mittleren Spree gewesen, haben im Schwielochsee gebadet und haben dann noch eine Überführung von Zehdenick an die Müritz abgestaubt. Ich bin mit zig Pressereisen und Fernsehleuten über die Müritz und nach Mirow gejuckelt.“

„Aber als es so heiß war, sind wir nur einmal nach der Arbeit zum Baden raus. Ansonsten habe ich den Sommer aus dem Bürofenster angeguckt. Weißt du, dass es schon T-Shirts gibt auf denen steht ,Sommer 2018 – ich war dabei’? Ja am Bürofenster!“

„Also nach der Kanalkonferenz ist noch ein Wochenende frei, guck mal, ob da noch was rumliegt an Booten.“

Die mecklenburgischen und märkischen Gewässer – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2018. Das sind die Abenteuer des Hausboots „Hasel“, das mit seiner zwei Personen starken Besatzung ein Wochenende lang unterwegs ist, um neue Gewässer zu erforschen. Viele Kilometer vom nächsten Funkmast entfernt, dringt die „Hasel“ in Kanäle voller Seerosenfelder und Schilfgürtel vor, die nur darauf lauern, die Kühlwasseransaugung zu verstopfen.

Es ist schon fast dunkel, als wir die Marina Zehdenick erreichen, wir finden den Bootsschlüssel im verabredeten Versteck. Während ich in die Achterkabine unserer Kormoran 940 abtauche, um uns ein Bett zu bauen (Warum schlafen eigentlich alle immer mit auseinander geschobenen Betten? Man ist doch verheiratet!), schleppt mein Mann unser Gepäck an Bord. Für zwei (!) Übernachtungen sind das:

  • eine Klappkiste mit Obst, Gemüse, Brot, Nudeln, Orangensaft, Milch
  • eine Kühlbox mit dem Inhalt des Kühlschranks zuhause, sowie zwei Flaschen kaltem Bier, deren Deckel gleich zischen, damit das Einräumen und Betten machen netter wird
  • eine Einkaufstasche mit Zeug, das wir noch schnell bei Edeka in Mirow gekauft haben
  • ein Karton mit Bier, französischem Wein, Crémant von Madame Lang (siehe Bericht Boot & Wein und Fluvius Spezial Wein vom Captains Inn)
  • eine Reisetasche mit Klamotten, Extrakissen und Waschtaschen
  • eine Klappkiste mit Zeugs was wir immer mit aufs Boot nehmen – unsere Bootskiste
  • zwei Bürorucksäcke mit Laptops, Zeug was wir unterwegs lesen wollen (und oft ungelesen wieder mitbringen), Ladekabel, Sonnenbrillen etc.
  • mein fetter Törnplaner/Törnatlas-Recherche-Ordner

Glücklicherweise ist Bettwäsche an Bord, so dass unsere vorsichtshalber eingepackten Schlafsäcke im Auto bleiben. (Dies zur Info für alle, die denken, wenn der Chef unterwegs ist, gibt es rote Teppiche oder so.)

Auslaufen ist heute nicht mehr, mittlerweile ist es stockduster geworden. Wir tappen über Betonplatten über das mehr oder weniger stilvoll gealterte Marinagelände zur Straße vor, richten unseren Kurs nach rechts und freuen uns, dass die Basis mit dem Hafenbetreiber im kommenden Frühjahr ein paar Kilometer Havelaufwärts zieht, wo schon von weitem ein Mast mit 20 Scheinwerfern zu sehen ist. Schnell ist das italienische Restaurant am Kanalufer erreicht, ebenso schnell stehen Aperitif und Vorspeise vor uns, Hauptgang und Wein folgen zügig und lecker.

Die Wentow-Gewässer

Unser Ziel für dieses Wochenende sind die Wentow-Gewässer. Die zweigen bei Kilometer 24,9 von der Oberen Havel-Wasserstraße nach Westen ab. Wir wissen, dass es da folgendes gibt:

  • 1 Schleuse (mit eingeschränktem Betriebsmodus wegen Wassermangel – Stichwort Sommer 2018)
  • 2 Kanalstücke (eins zwischen Schleuse und erstem See, eins später)
  • 1 großer See
  • 1 kleiner See
  • 1 Campingplatz
  • 1 Handvoll Brücken
Karte Wentow-Gewässer aus dem Törnatlas.

Die Wentow-Gewässer sind so eine Abzweigung, die man auf dem Weg von der Müritz nach Berlin oder umgekehrt gerne links liegen lässt. Es gibt auf der Strecke einige nette kleine Seenketten, die man erkunden kann, die meisten sind durchaus spektakulärer als die Wentow-Gewässer. Warum sollte man nach Dannenwalde oder Seilershof fahren, wenn man auch nach Rheinsberg, nach Templin oder Lychen kann? Keiner von uns kann sagen, wie oft wir schon dran vorbei gefahren sind. 1000 Mal passiert – jetzt soll es endlich rein gehen!

Abzweig der Wentow-Gewässer von der Oberen Havel-Wasserstraße.

„Die Schleuse Marienthal öffnet wegen Wassermangel nur um 9, 11, 13, 15 und 16.45 Uhr“, zitiere ich den schifffahrtspolizeilichen Hinweis des WSA Eberswalde. Wir wollen es mit dem Frühaufstehen nicht übertreiben, schließlich ist es eine gute Stunde Fahrt von Zehdenick bis zur Schleuse. Also peilen wir die Schleuse für 13 Uhr an.

Schleuse Marienthal

Gute 20 Minuten vorher sind wir da. Machen vor der Schleuse fest, deren Lichter zu unserer Verwunderung nicht rot leuchten, sondern aus sind. „Schleusung bitte beim Schleusenpersonal anmelden“ steht irgendwo. Ich linse über den Zaun zum Schleusenhof, ist da jemand? Außer einem Birnbaum, der jetzt im September seine Früchte zu Boden wirft, bewegt sich nichts.

Ich wandere zur Schleuse („Zutritt nur für Betriebsangehörige der WSV“). Die Schleuse ist oben, Obertor ist offen. Die Tür zum Schleusenhäuschen steht auch offen. „Klopfklopf“ rufe ich und poche zur Sicherheit an den Türrahmen. An der Tür klebt ein handgeschriebener Zettel: Mittagspause von 12.30 bis 13 Uhr. Aha!

Birnen vom Schleusenkanal

Zurück am Boot motiviere ich mein einziges Crewmitglied mit der Aussicht auf leckeren Birnenkompott dazu, die schönsten Früchte vom Kanalufer aufzusammeln. Dann setzen wir uns hin und gucken in die Luft. Mein Mann geht sicherheitshalber auch nochmal zur Schleuse vor und kommt mit dem gleichen Ergebnis wie ich wieder.

Punkt 13 Uhr marschiere ich noch mal durch die Gartenpforte. Von weitem sehe ich eine Dame gesetzteren Alters herbeieilen.

„Wat wolln Se? Durch die Schleuse?“

„Ja, bitte.“

„Wat ham Se denn fürn Tiefgang?“

„Etwa 75 Zentimeter.“

„Na det müssten Se schon jenau wissen. 75 könnte eben noch klappen. Drüber nich mehr.“

„Gibt ja keine Tauchtiefenbegrenzung für die Wentow-Gewässer“, kann ich mir nicht verkneifen klugzuscheißen.

„Unter der Brücke liegen n paar Steine. Passen Sie da bloß uff.“

„Unser Rumpf ist aus Stahl, der kann auch mal nen Stein ab. Aber danke!“

„Nicht dass es nachher heißt, ich hätte nichts gesagt.“

„Schon okay, wir machen keinen Ärger!“

„Und um 16 Uhr müssen Sie wieder hier sein, da ist die letzte Schleuse.“

„Ich dachte 16.45 Uhr?“

„Wir ham ja nun schon September, da ist nur bis 16 Uhr Betriebszeit.“

„Alles klar, wir kommen erst morgen wieder durch.“

„Und dahinter jibt et nüscht! Keene Jaststätte, keen Anlejer, nüscht.“

„Wir können Ankern!“

„Und weit kommen tun Se ooch nicht, da is Regatta!“

„Gab aber keinen Sperrhinweis, dann kann man da durch.“

„Aber passen Sie echt auf, wenn ich hier einmal schleuse, fehlen im Kanal zwanzig Zentimeter, das dauert, bis das wieder nachgelaufen ist.“

Die Schleuserin geht zum Obertor der Schleuse, um es zu schließen. Drückt irgendwo drauf, schüttelt den Kopf und kommt wieder zum Schleuserbude zurück. „Hatte ja den Strom usjestellt.“

Deswegen das fehlende rote Licht!

„Manchmal kommen sonst nämlich in der Mittagspause so Schlaumeier“, fährt sie fort, „die meinen, die könnten die Schleuse auch ohne mich schon mal runterfahren.“

Oha! Mit Selbstbedienungsschleusen kenn ich mich ja aus, aber eine eigentlich bediente Schleuse eigenmächtig zu entführen, hätte ich mich im Leben nicht getraut!

Schleuse Marienthal (vom Unterwasser aus fotografiert)
Ruhig Blut!

Ideal für Einsteiger

Die Schleuse Marienthal ist eigentlich eine ideale erste Schleuse für unerfahrene Bootscrews. Es ist wenig los, so dass einem keiner Ärger macht, wenn man nicht zügig genug in der Kammer ist. Wenn man sich an einer der hochfrequenttierten Automatikschleusen an der Müritz-Havel-Wasserstraße verhaspelt, kann das einer Einsteiger-Crew schon mal einen Anpfiff vom Nachbarboot einbringen, hier ist alles etwas gemütlicher. Außerdem ist da die Schleusenwärterin, die notfalls Rat und Tat bereit hält.

Die Schleuse ist fast unten. Mit einem „Wenn det Tor offen ist könn’ Se rin“, schickt mich die Schleuserin zurück aufs Boot. Wo ich die Ansage ausrichte, notfalls auch ohne grünes Licht loszufahren.

Tief durchatmen, mehr als eine Handbreit braucht kein Schiff.

Etwa zwei Kilometer ist der Kanal lang. Das Echolot zeigt anfangs einen Meter unter uns an, das wird dann schnell weniger, unter der Brücke treffen wir keine Steine, aber das Echolot-Display wirft uns unseren Übermut in Schleichfahrt stumm mit der Digitalanzeige vor: 0,3 m. Hmm …

Halbfertige Arbeiten an der Kanalböschung.

Der Kanal ist erstaunlich gut gepflegt. Das hätten wir jetzt hier nicht erwartet. Die Uferböschungen sind weitgehend freigeschnitten, die Wasserkante bildet eine sichtbar neue Faschinenreihe, darüber eine schöne Packlage mit Steinen auf Fließ. Nach der Hälfte der Strecke ist damit Schluss. Wir sehen noch ein gutes Stück aufgerolltes Fließ liegen, dann übernimmt die Wildnis den Kanal. Seerosen rechts und links tauchen ab, wenn wir uns annähern. Das Echolot zeigt jetzt 0,2 m. Wir atmen mal tief durch und nehmen noch ein bisschen mehr Gas weg.

„Hast du die Schuten vorne vor der Schleuse gesehen? An der Ecke zur OHW?“

„Ja, da lagen Steine drauf. Waren WSA-Schuten und ich glaube auch ein Schleppboot.“

„Ich tippe mal, die waren dabei, die ganzen Ufer neu zu machen, dann wurde der Sommer immer trockener und das Wasser weniger, so dass sie mit den Arbeitsbooten nicht mehr durchkamen.“

„Kannste recht haben.“

„Stell dir mal n holländischen Stahlverdränger mit 1,20 Tiefgang hier vor.“

„Der wird auch nach einem nassen Frühjahr Probleme haben, durchzukommen.“

„Umso mehr Platz für Kormorans und Febomobile.“

„Wenn ick hier aufmach, fehlen oben 20 Zentimeter.“ – Schleusenkanal oberhalb Marienthal

Ich streiche noch eine Brücke durch, die irrtümlich im Törnatlas eingezeichnet ist (war früher wohl mal eine Brücke der Tonlorenbahn der Ziegelei ganz in der Nähe) und dann sind wir auf dem Großen Wentowsee. In der Ferne erspähe ich einen Opti.

„Ist das die Regatta? Ein Opti?“

Tja. Der Opti biegt zu einem Bootshaus ans Ufer ab. In dem kleinen Boot, in dem üblicherweise Grundschulkinder ihre ersten Segelerfahrungen machen, sitzt ein Mann, der deutlich aus dem Opti-Alter raus ist.

„Seltsame Regatta, ein Opti mit einem großen Kerl drin.“

Wir warten erst mal ab, suchen Start- und Zielschiff. Nix zu sehen. Einfach vorbeifahren? Hmm.

Mittagspause mit Blick auf die Optimisten-Regatta

Während wir noch überlegen biegt eine ganze Armada der kleinen Sprietsegler um die Landspitze. Ein Opti kommt selten allein! War ja klar. Auffällig ist nur, dass die meisten Skipper aussehen, als ob sie ihre Schulzeit schon eine Weile hinter sich haben. Und dann taucht auch das Startboot auf. Wir sind direkt hinter der Startlinie. Zwischen uns und dem Rest der Wentow-Gewässer sammeln sich die Boote, weiter links neben dem Feld erstrahlt eine rote Tonne in der frühen Nachmittagssonne. Bei den Wasserständen des Sommers trauen wir uns nicht, die auf der falschen Seite zu passieren. Anker raus und Mittagspause!

Birnenkompott und Opti-Ankern

Während mein Mann Salat schnippelt, nehme ich mir die Birnen vor. Na, wenn das die allerschönsten waren, weiß ich, warum der Birnbaumbesitzer die einfach runterfallen lässt. Nach dem Schälen schnitze ich mir aus jeder Birne das Fruchtfleisch (heißt das bei Birnen so?) raus, kreise Wurmlöcher und faulige Stellen ein, bis ich tatsächlich einen Topf leckerer Birnenstücke vor mir habe. Jetzt etwas Zitronensaft und Zucker. Ähm. Zitronensaft gehört nicht zur Standardausstattung der Bootskiste. Die allerdings standardmäßige Tupperdose mit Zucker ist bis auf anderthalb Esslöffel leer. Beim Wühlen entdecke ich einen Flachmann Original Rügener Sanddorn-Likör. Den hatte ich mitgenommen, um eventuell einen norddeutschen Kir Royal als Apero zu machen. Moment mal! Sanddorn! Die Orange des Nordens! Ist ja fast das gleiche wie Zitrone! Außerdem Likör! Also süß. Ich öffne beherzt den Schraubverschluss, gönne den Birnen einen ordentlichen Schluck aus dem Flachmann und stelle den Topf auf den Herd. Noch ein bisschen köcheln, fertig. Während mein improvisiertes Birnenkompott abkühlt, essen wir einen Salat mit Ruccola aus dem Garten, Schafkäse vom Türken und Tomaten vom Bauern aus unserem Nachbardorf am Mirower Kanal. Lecker. Zum Birnenkompott reiche ich einen Rest abgelaufenen Bio-Öko-Vanillejoghurt, den eins der Kinder bei uns im Kühlschrank vergessen hat. Wir stoßen mit einen Gläschen Rosé vom Chateau Albuzeau auf die gelungene Mahlzeit und den Abwasch an.

Birnenkompott mit Sanddorn-Likör statt Zitronensaft und Zucker

Jetzt könnte es denn eigentlich auch mal weitergehen. Schließlich wollen wir heute Nachmittag noch einmal den großen und den kleinen Wentowsee umrunden. Und da kommt auch schon eins von den Trainerbooten auf uns zu. „Sie können hier links am Feld vorbei fahren, da ist tief genug!“

„Hinter die Tonne?“

„Ja, ist tief genug!“

Viele nette kleine Privatstege am Großen Wentowsee. Aber es ist genug Platz zum Ankern.

Und wirklich, mit ständig einem Meter auf dem Echolot drücken wir uns zwischen Optis und Südufer durch.

Jede Menge Anlegestellen gibt es hier am Ufer! Ein Steg neben dem nächsten. Aber auch ein „Anlegen verboten-Schild“ neben dem nächsten. Hinter jedem Schild ein schmucker Garten und Gebäude vom Kleingartenhäuschen bis zur Villa. Der Steg des Segelvereins am Nordufer ist von Optis und Begleitbooten umschwärmt, da brauchen wir gar nicht in die Nähe zu kommen. Also weiter am Südufer des Sees. Bei Zabelsdorf gibt es ein Stück Spundwand, an dem ein öffentlich zugänglicher Weg entlang führt, da wird man wohl anlegen können. Bei Ringsleben am Nordufer gibt es einen Floßverleih, aber freie Plätze sieht man da auch nicht, auch sieht der Steg eher aus, als sei er für liebliche leichte Flöße ohne schwerwiegenden Komfort gemacht, so dass eine Kormoran erstens den Steg blockieren würde und zweitens bei Wind wahrscheinlich beschädigen könnte. Den Anleger des Floßverleihs streiche ich von meiner Rechercheliste für den Törnplaner.

Bei Kilometer 6 macht der Wentowsee einen Knick nach Norden. Eigentlich hat die Natur hier einen perfekten Ankerplatz am nach Nordwesten liegenden Seeufer eingerichtet. Aber der Uferbereich ist mit gelben Tonnen abgesperrt. Wir haben schon einmal einem Wasserschutzpolizisten 30 Euro für Ankern auf der falschen Seeseite überreicht, dem Ufer kommen wir lieber nicht zu nahe.

Dschungel mit Mobilfunk

„Boah, ich hab LTE!“ stelle ich erstaunt beim Blick auf das Handy-Display fest.

„Dann sind wir in der Nähe der B 96, da steht ein Funkmast.“ Der taucht dann auch gleich hinter den Bäumen auf. Hatte ich schon bemerkt, dass hier links und rechts an allen Ufern Schilf und Bäume stehen? Natur gibt es hier genausoviel wie mobiles Internet.

Verbindungskanal zwischen großem und kleinem Wentowsee: 4 Meter reichen, wenn man selber 3,85 m hat!

Den schmalen Kanal, der zum kleinen Wentowsee führt, sieht man fast gar nicht.

„Zugewachsen. Das wird nix!“ stellt mein Mann trocken fest. Ich mag aber nicht aufgeben. Bei Seilershof gab es früher immer einen Steg an einem Hotel. Den will ich mir ansehen!

Zwischen den Seen

Beim näher hinfahren und genauer gucken sieht man rechts und links Wald, davor Schilf, davor Seerosen und in der Mitte – oh Wunder – einen etwa vier Meter breiter Streifen Wasser.

Brücke bei Dannenwalde

„Mit 3,85 Breite passen wir da doch locker durch.“ Mein Mann seufzt und schiebt den Gashebel ein Zentimeterchen nach vorn. Wir schlängeln und langsam durch die ein wenig mehr als einen Kilometer lange, eben nur fast zugewachsene Verbindung zwischen den Seen, tauchen problemlos unter der niedrigsten Brücke der Gewässer (der Eisenbahnbrücke gleich neben der von der B96) hindurch und dann öffnet sich der Kleine Wentowsee vor uns.

Und tatsächlich, am südlichen Ufer entdecken wir ein völlig grün zugespaktes Hotelschild. Gleich daneben ein Wasserwanderrastplatz mit Anlegemöglichkeit und Picknicktischen an Land. Na bitte! Wer sagt es denn. Das Hotel heißt inzwischen Seehotel Louise. Ich mache mir eine Notiz für die Nachrecherche. Außerdem verfügt auch der Ort Seilershof über einen öffentlichen Uferbereich mit einladend aussehender Spundwand. Eine weitere Notiz für den nächsten Törnplaner.

Dannenwalde am Nordufer des Sees hat keinerlei Anlegeplätze. Schade eigentlich, denn hier gibt es ein schönes Herrenhaus, eine achteckige Radfahrerkirche einen denkmalgeschützeten Öko-Bahnhof und einen Barfusspfad. Tja. Nicht für uns. Theoretisch könnte man ja – für eine Chartercrew ein nahezu verwegener Gedanke – am Nord- oder Südufer auch an einem Baum festmachen und den Heckanker ausbringen. Aber das ist natürlich verboten. Auch wenn nach 16 Uhr kein Polizeiboot mehr herkommen kann, die Schleuse ist ja dicht … Über die Raketenkatastrophe von Dannenwalde lesen wir bei Wikipedia, dass 1977 ein brennendes sowjetisches Munitionslager mehrere Stunden lang unkontrolliert Raketen in die Umgebung schickte. Oha.

Auf zum östlichen Zipfel

Mit einem Dreh am Steuerrad treten wir den Rückweg an. Die Wentow-Gewässer sind insgesamt nur knapp 11 Kilometer lang, das ist an einem Nachmittag umrundet. Einen letzten Zipfel haben wir noch nicht gesehen, nämlich die urspüngliche Verbindung zur Havel. Die Schleuse führt ja durch einen Kanal, die natürliche Verbindung ist das Tornowfließ etwas nördlich des Kanals. Bis 1946 bildeten Tornowfließ und Wentowsee die südliche Grenze Mecklenburgs. Den Kanal buddelten die Preußen 1732 um Holz verschiffen zu können. Die Tatsache, dass die Mecklenburger Zoll erhoben und der Müller von Tornow (auf der Mecklenburger Seite) den Wasserzufluss auf der Havel steuern konnte, mag auch eine Rolle gespielt haben.

Blick auf Ringsleben am Großen Wentowsee.

Zuerst gilt es eine Insel zu umfahren, die „Der Raatz“ heißt. Hier wird es wieder flacher. Aber 0,2 m im Display des Echolotes sind ja immer noch mehr als die bekannte Handbreit Wasser unter dem Kiel. Also los. Nanu? Was ist das? Plötzlich springt die Tiefenanzeige auf über 5 Meter Wassertiefe! Jetzt schon sechs! Vermutlich ist hier ein Tonloch, wir sind ja dicht an der Tonstichlandschaft, hier gab es Ziegeleien, mit Schuten wurden in der Gründerzeit die gebrannten Bausteine nach Berlin verschifft. (Eine Besuch im Ziegeleipark im nahe gelegenen Mildenberg ist eine gute Idee.) Frohen Mutes aber trotzdem misstrauisch tasten wir uns nach Westen, schon wieder Schilf und Seerosen. Es wird flacher. Mit dem Bootshaken bewaffnet stelle ich mich am Bug auf. Pieke ein ums andere Mal mit dem ausgefahrenen Haken ins Wasser: Kein Grund. Irgendwo kommt hier demnächst die Tornower Mühle, in der es schön sein soll und die für eine gute Küche bekannt ist. Wär doch gelacht, wenn wir uns da nicht anschleichen können!

In der Ferne sehen wir einen Anleger, sogar mit Boot. Aber hat das Boot soviel Tiefgang wie wir? Unser Fernglas ist mit an Bord und hat uns schon manch klaren Blick (unter anderem auf die Altersstruktur der Opti-Segler) gewährt, aber unter Wasser gucken kann das gute Steiner nicht.

Unser gutes Steiner-Fernglas. Hier im Einsatz, damit die Seiten des Recherche-Ordners nicht wegfliegen. Aber auch zum Durchgucken ist es genial.

Ich pieke noch ein, zwei Mal ins Wasser ohne Widerstand zu spüren, aber meinem Mann am Steuer wird die Sache zu brenzlig. „Wenn wir hier aufhocken, kann uns aus dem Loch keiner rausholen“, sagt er und legt den Rückwärtsgang ein. Keine Sekunde zu früh. Wir wirbeln jede Menge Schlamm und Dreck vom Wassergrund auf. Nicht gerade die beste Kost für Bugstrahlruder und Kühlwasseransauger.

Mit dem Abendessen in der Mühle Tornow wird es also nichts. Wir ankern hinter der Der-Raatz-Insel, köpfen den Crémant von Madame Lang und genießen die Stille. Wir sind völlig allein hier. Um uns nur Wasser, Wald und hin und wieder ein Vogel. Und unsere selbstgebrutzelte Nudelpfanne mit Zucchini aus dem Garten, Zwiebeln, Tomaten und türkischer Sucuk-Wurst. Zum Nachtisch gibt es Mousse au Chocolat aus dem Supermarkt.

Morgenbad im See?

Der Sonntagmorgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein, Rührei und Aufbackbrötchen aus dem Ofen. Jetzt sollte man eigentlich eine Runde im Sonnenschein schwimmen. Die Badewasserqualität im großen und kleinen Wentowsee hat drei von vier Sternen, gleichwohl ist das Wasser ein wenig trübe. Aber vor allem ist es uns jetzt im September trotz Sonne ein wenig zu frisch. So duschen wir uns auf der Badeplattform schön warm ab, faulenzen im Salon und auf dem Achterdeck, mangels Funkabdeckung lesen wir denn doch in den mitgebrachten Zeitschriften und sonstigen Unterlagen.

Dem einzigen uns schon vorher bekannten Anlegesteg statten wir einen kurzen Besuch ab: Der Campingplatz hat sich bisher immer überreden lassen, im Törnplaner zu erscheinen und Gäste an seinem kleinen Steg aufzunehmen. Von hier zur Mühle nach Tornow wären es mehr als zwei Kilometer zu laufen gewesen. Dann lieber Ankern und selber kochen.

Langsam wird es Zeit, den Anker zu lichten und den Heimweg nach Zehdenick anzutreten. Schließlich wollen wir uns noch den neuen Hafen angucken, in dem ab nächstem Jahr unsere Boote übergeben werden sollen. (Später sehen wir, dass im Prerauer Stich schon ein paar hundert Meter Schwimmstege bereit liegen, auch der Landzugang ist fertig und ein nagelneuer Kran steht an Land.)

Stege für die Neue Marina Zehdenick im Prerauer Stich

Im Kanal vor der Schleuse Marienthal kommt von achtern ein Segler mit gelegtem Mast auf. Hinter ihm noch einer. An der Schleuse wartet bereits ein kleines Kajürmotorboot. Alles Zaungäste der Regatta von gestern.

Auf dieser Seite der Schleuse gibt es keine Birnen, nur Eicheln und nette Leute auf den anderen Booten, mit denen man sich die Wartezeit verplauschen kann: „Ein Verkehr ist das heute hier! Wie auf der Autobahn.“

Gestern hatte die Schleusenwärterin einen Strich auf ihrer Liste gemacht – das waren wir. Heute sind es vier.

 

Über die Autorin: Dagmar Rockel-Kuhnle ist Pressetante und Texterin bei Kuhnle-Tours. Da das nicht abendfüllend ist, betreibt sie seit 1999 den nautischen Kleinverlag Quick Maritim Medien in dem Törnplaner und Törnatlas erscheinen. Um die immer aktuell zu halten, ist sie oft und gerne mit dem Boot unterwegs. Glücklicherweise teilt sie die Freude am Bootfahren mit ihrem Ehemann Harald Kuhnle, der seit 1991 eine Charterflotte betreibt.

Im Winter durch Berlin

Im Winter durch Berlin

O5. Februar 2OI8 (Tag1)

I2:45 Uhr Wir verlassen die Mecklenburgische Seenplatte und freuen uns auf BERLIN. Das Wetter wird traumhaft: Sonne, Sonne, Sonne und schön knacke kalt.

Die Kinder freuen sich riesig und haben alles eingepackt: vom Kuscheltier bis zum Schachbrett.

Berlin, Rummelsburg, Citymarina, gleich neben der Hafenküche Berlin:

I5 Uhr Wir sind an Bord unseres Lieblingsschiffes, einer KORMORAN , diesmal eine 1150 (das heißt, dass das Boot 11,50 m lang ist und damit wunderbar groß, damit alle Platz haben.)
Die Jungs von der Marina sind total unkompliziert, berlinerisch freundlich und wir haben Spaß an Bord zu gehen.
Neben dem Charterboot – alles voll mit Hausbooten, auf denen es sich einige Berliner gemütlich gemacht haben und hier auch den Winter verbringen.

Wir packen aus und ein und genießen das maritime Ambiente. Nun erst mal einen Bordschluck: leckerer Sekt und das Gute: die Eiswürfel finden sich auf Deck: Außentemperatur minus 2 Grad.

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Wir sind schon viel mit der Kormoran auf den Mecklenburger Seen unterwegs gewesen, Berlin ist neu für uns. Und wir haben etwas Respekt: vor der Schifffahrt, den Schubverbänden, den nicht bekannten Wasserstraßen. Deshalb soll die Probefahrt im Winter sein, wenn nicht so viel los ist.

Sonnenuntergang ist um 16.30 Uhr. Wir beschließen deshalb die erste Nacht im Hafen zu verbringen. Ein schöner Sonnenuntergang verspricht gutes Wetter für morgen. Die warmen Sachen liegen parat, Mütze, Schal, Handschuhe, da kann es morgen gerne kalt werden.

Die Vorräte sind ausreichend, so dass wir beim nahe gelegenen Supermarkt morgen mit dem Schiff nicht anhalten brauchen. Es ist erst mal alles dabei.

Die Tochter malt

der Sohn hat es sich in der Kinderkoje mit seinen Kuscheltieren gemütlich gemacht.


Wir quackeln und freuen uns auf die gemeinsamen Winterferien!
Die Heizung läuft lautlos, es ist gemütlich warm, wir haben extra Zudecken, so dass niemand frieren kann. Die Kinder schlafen gemeinsam und wir trinken noch ein Glas Rotwein, zusammen mit einem Schulfreund, der zufällig nebenan im Kletterpark unterwegs war. Es gesellt sich noch ein weiterer Schulkamerad dazu, der schon immer mal auf so ein Boot wollte. Wir berichten von vergangenen Schiffstouren und genießen das gemütliche Beisammensein…

O6. Februar 2OI8 (Tag 2) 

Die Sonne scheint und es geht los. Ganz langsam! 10 m nach vorne, leicht nach rechts, das Schiff steuert sich einwandfrei, ganz ruhig passieren wir die Berliner Hausbootbesitzer, grüßen heftig und schon sind wir raus aus dem Hafen und fahren auf der Treptower Spree.
Wir haben uns abends entschieden über den Teltowkanal bis nach Potsdam zu fahren und dann über den Wannsee zurück durch Berlin nach Rummelsburg, wir haben ca. 4-5 Tage Zeit…
Der Teltowkanal überrascht uns positiv, er ist breit, kaum Verkehr, Sohnemann ist mit an Deck

und gemütlich eingepackt schippern wir die malende Tochter und den schachspiel-aufbauenden Vater

in Richtung Potsdam vorbei an den „Weinbergen von Berlin“,

durch alte Brücken bis zur Schleuse Keinmachnow – cooles Teil.

Gegen 17 Uhr sind wir am Griebnitzsee

– traumhafte Villen reihen sich hier aneinander und wir beschließen hier Anker zu werfen und diesen Anblick zu genießen. Es ist extrem ruhig!

Auf dem gesamten Teltowkanal kam uns nicht ein Boot entgegen, ausser 2 Schubverbänden. Ein dunkelblauer Himmel, malerischer Sonnenuntergang,

der Mond leuchtet hell – ein Traum! Und wir schauen (zum ersten Mal an Bord, obwohl wir schon seit ca. 5 Jahren Bootsurlaub machen) „Traumschiff“. Der Fernseher machts möglich! Sonst sind wir auch ohne gut ausgekommen. Zum Abendessen gibt es Kartoffeln und Königsberger Klopse: auf dem Boot gibt es das, was es sonst zu Hause nicht gibt: angerührten Kartoffelbrei, Königsberger Klopse aus der Büchse, Flammkuchen aus dem Kühlregal… Man kann natürlich auch richtig kochen, die Küche lässt an nichts zu wünschen übrig, aber wir haben ja Urlaub! Wir spielen „Name, Stadt, Land“, Schach, ein bisschen wird auch geübt: die unregelmäßigen Verben, sowohl in Deutsch für den Drittklässler, als auch in Englisch mit Mausi aus der 6. Klasse.

7. Februar 2018

10 Uhr krabbeln wir an Deck: die kalte Luft, der Duft des Kaffees, mehr geht nicht.

Nachts waren es minus sieben Grad, das Eis gefriert schon am Ufer, aber durch die Strömung, ist es gut befahrbar. Vor dem Kaffee geht es für meinen Mann in das kalte Nass.

Frühstück:

Ab in die warmen Klamotten und in Zeitlupentempo passieren wir die Villen.

Natürlich könnten wir auch von unten steuern, aber die klare kalte Luft ist zu verführerisch. Alles liegt ganz ruhig vor uns. Töchterchen malt wieder.

Die Männer spielen Schach.

Wir sind in Potsdam! Babelsberg begrüßt uns mit seinem schönen Park, dem Schloss. Da die Bäume keine Blätter tragen, sieht man sehr gut die baulichen Anlagen!
Zuerst fahren wir weiter in Richtung Schwielowsee, aber irgendwie ist es hier nicht so spektakulär und außerdem kommen gen Süden Wolken auf, so dass wir hinter der Fährstelle wenden und Kurs nehmen in Richtung Glienicker Brücke – für uns Ossis immer noch ein Thema und ein besonderer Ort.

Direkt unter der Brücke halten wir an und nehmen noch den älteren Sohn mit Frau und Enkelkind (ein Jahr) an Bord.

Wir begegnen langen Schubverbänden.

Weiter geht’s gen Norden in den Krampnitzsee. Wir passieren die alten Wach- und Grenzposten, Erinnerungen …. Es gibt Kaffee und Stracciatella-Kuchen. Graureiher, Kormorane, … Wir genießen die Vogelwelt!

Es ist 16 Uhr, die Dämmerung lässt nicht lange auf sich warten.

Wir bringen die kleine Familie zurück zur Glienicker Brücke und fahren in der wunderschönen Abendsonne weiter zur Pfaueninsel.

16.45 Uhr ist die Sonne weg, wir ankern. Die Kinder lieben das Ankern: wie tief ist es: am westlichen Ufer 15 m, 16 m , es wird immer tiefer, obwohl das Ufer näher kommt. Und ach ja in der Karte steht es auch, Achtung „Kante“, also erst extrem tief und dann extrem flach. Wir verlassen die Wasserstraße in Richtung Pfaueninsel. Hier wird es langsam flacher: 5, 4, 3 m. Manchmal geht es ganz schnell, aber wir fahren ja langsam. Bei 3 m wird der Anker runter gelassen, das Boot dreht sich in den leicht wehenden Wind. Wir stehen neben der Wasserstraße und es wird langsam richtig kalt draußen. Ab und an schaukelt das Boot ganz leicht, denn ein Schubverband kommt vorbei. Heute Nacht soll es minus 13 Grad werden! Mal sehen, ob es warm bleibt. Wie immer spielen wir abends zusammen, lesen uns Geschichten vor und gegen 20 Uhr liegen alle gemütlich in der Falle, heute sicherheitshalber unter 2 Decken.


8. Februar 2018 (Tag 3)

Alle haben gut geschlafen, draußen ist der See leicht gefroren, aber die Eisdecke beginnt sich langsam zu schließen. Nächste Nacht werden wir auf jeden Fall wieder in der Stadt verbringen: Da ist es deutlich wärmer. Wir wollen starten, aber die gesamte Bordenergie ist in diesem Moment weg. Da haben wir wohl zu lange die Batterien verbraucht. Aber egal, es gibt ja immer einen Notknopf. Nach rechts drehen wie beim Starten nur viel weiter rum. Damit springt der Motor verlässlich an. Er blubbert ganz zufrieden. Wir kochen Kaffee und Kakao für die Kinder. Wir trinken den Kaffee mit Mütze an Deck, die Kinder den Kakao gemütlich im Bett. Diese Morgenstunden sind einfach immer unvergesslich schön! Heute kühlt sich niemand im Wasser ab. Wir kuscheln dann noch in den Kojen zusammen: Familienkuscheln! Und nach warmen Brötchen mit Honig geht’s los – ab in die Hauptstadt.

Mitten durch Berlin! Im Radio läuft (nicht ganz leise) coole Musik. Wir nähern uns der Urbanität.
Wir fahren über den Wannsee!
Dann kommt eine Schleuse. Wir werden freundlich empfangen! Das Schleusen geht einfach, und noch einfacher jetzt, wenn keine anderen Boote mitschleusen. Die Kinder helfen stolz und routiniert. Schon geht’s weiter.

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Berlin von der Wasserseite aus kennenlernen – eine völlig neue, begeisternde Perspektive. Man sieht moderne Bauten, kleine Häfen, dann wieder Industrielandschaften, Kräne, riesige Baustellen, wohin man schaut.

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Dann wieder die Rückseite von Kaffees mit ihren Terrassen direkt am Wasser (zur Zeit natürlich nicht besetzt, weil – WINTER, aber man kann sich vorstellen, was hier im Sommer los ist.) Ganz anders als in Mecklenburg, wo die Natur einmalig besticht, sind es die Bauten hier. Das Wetter ist traumhaft, die Sonne scheint, viele Menschen sind an den Ufern unterwegs. Alle winken, grüßen, wollen mit aufsteigen. Wir genießen die Musik, das urbane Umfeld und die Möglichkeit fast lautlos ganz langsam durch die durchaus niedrigen Brücken zu gleiten.

Die Kinder sind auch begeistert. Sie holen sich die Decken raus, legen sich auf das Deck und wollen nichts verpassen.

Wir sind wohl die Einzigen – außer ein bisschen Berufsschifffahrt – kaum zu glauben! Dann kommt der spannendste Teil: das Kanzleramt! Ganz langsam gleiten wir an der „Machtzentrale“ vorbei.

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Die Architektur ist beeindruckend! Der Reichstag!

Und dann die Museumsinsel: das Bode-Museum direkt vor uns,

das Pergamonmuseum rechts neben uns,

der Berliner Dom, mächtig gewaltig und wir genau daneben.

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Linkerhand sieht man den Fernsehturm,

dann eine knappe Stunde später die Oberbaumbrücke direkt vor uns.

16.50 wir sind wieder in unserem Hafen Citymarina in Rummelsburg. Wieder bei traumhaftem Sonnenuntergang!

Wir haben ein bisschen Angst vor dem „Einparken“, aber dank Bugstrahlruder gelingt es uns ganz langsam rückwärts einzuparken. Unsere Nachbarn begrüßen uns herzlich, obwohl wir uns doch eigentlich nicht kennen. Aber auf und am Wasser sind alle eine große Familie.

9.Februar 2018 (Tag 4)

Der zweite große Bruder kommt an Bord und so starten wir nach einem ausgiebigen Frühstück gemeinsam in Richtung Müggelsee.

Die Nacht war wieder sehr kalt, die Eisdecke beginnt zuzufrieren. Wie ein hauchdünnes Glas.

 

Vorbei am Köpenicker Schloss fahren wir bis zur Regattastrecke,

 

dort wird das Eis dicker und wir beschließen ganz langsam die Heimreise anzutreten. Wir kommen uns vor, wie auf einem kleinen Eisbrecher, sind aber ganz froh, dass die Schollen noch keine geschlossene Eisdecke bilden. Es gibt lustige klirrende Geräusche.
Zurück im Hafen wird mittlerweile schon gekonnt 😉 eingeparkt. Wir laden aus, verabschieden uns von den Jungs von der Marina und treten glücklich die Heimreise an!
Berlin, du hast dich von deiner schönsten Seite gezeigt und wir durften dabei sein – vielen Dank!